

MUSIK DER FASNACHT
Zwei Wanderer im Tross des Pagats
Am Dienstagabend der Fasnacht ist die Einsiedler Fasnachtszyschtig-Musik unterwegs, einzig zu dieser Stunde. Sie schreitet dem Zug voran und zieht durchs Dorf. Ihr folgen einige Teufel, Brissago rauchende Domino und eine grosse Schar von Hudi in Nachthemden und Nachthauben, Kerzen und grosse Nastücher in den Händen, denn sie sind am Weinen, am „Brüelä“. Mitten im Tross Trychlergruppen, darunter die sogenannten Füdlitrychler (die Treichel um den Bauch geschnallt am Rücken treichelnd) und Burätrychler (meistens mit zwei grossen Treichel und an einem Joch). Auch der Pagat ist dabei, auf einem Wagen mitgeführt, bis er auf der Strasse zwischen Dorf und Klosterplatz auf einen kleinen Scheiterhaufen aus Paletten gehievt und angezündet wird. Um ihn herum, während er brennt und schliesslich explodiert, zieht der ganze Umzug seine Kreise.
Entgegen dem Eindruck, den es an diesem Abend erweckt, ist das Pagatverbrennen gar kein uraltes Ritual. Der ursprüngliche Brauch bestand nämlich darin, den Pagat im Schnee zu begraben. Wie Martin Gyr 1933 in seinem Werk «Volksbräuche in Einsiedeln» festhielt, war diese Tradition jedoch bereits um 1870 erloschen.
Erst in den frühen 1950er-Jahren griff die Bürgerwehr den Brauch wieder auf – allerdings mit einer entscheidenden Änderung: Nach Intervention der Kirche und der Behörden wurde der Pagat fortan öffentlich verbrannt und nicht begraben.
Die Begleitmusik ist noch jünger: Die Fasnachtszyschtig-Musik existiert in ihrer heutigen Form erst seit etwa 20 Jahren. Paradoxerweise sind die beiden bekanntesten Melodien, die an diesem Abend gespielt werden, erheblich älter. Sie stammen aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert und waren in der Schweizer Volksmusik längst etabliert, bevor in Einsiedeln der erste Pagat überhaupt in Flammen aufging. Diese Lieder sind gewissermassen musikalische Einwanderer, die erst nachträglich in einen Brauch integriert wurden, der deutlich jünger ist als sie selbst.
„HAU DE CHATZ DE SCHWANZ AB“: EINE POLKA MACHT KARRIERE
Wer diese Melodie hört, denkt an urchige Innerschweizer Fasnacht. Dabei begann ihr Leben in vornehmster Gesellschaft: als „Kreuzpolka“, ein bürgerlicher Salontanz, der in Preussen populär war und 1887 durch den Verleger Rudolf Daase kommerziell unter die Leute gebracht wurde. Kein Fasnachtslärm weit und breit, sondern gepflegtes Parkett.
Der Text, der ihr später aufgesetzt wurde, stammt aus einer ganz anderen Ecke: aus norddeutschen Heischebräuchen wie dem Rummelpottlaufen, wo derb-komische Drohungen zum guten Ton gehörten. Die Ankündigung, einer Katze den Schwanz abzuhauen, war dort so wörtlich gemeint wie ein Trinkspruch, ein Spottvers zum Mitgrölen, keiner Katze ist je etwas geschehen. Diese Kombination aus feinem Tanzsaal-Rhythmus und derbem Norddeutsch wanderte über Ländlerkapellen (dokumentiert unter anderem in Hanny Christens Sammlungen und bei Musikanten wie Lorenz Giovanelli) in den Alpenraum ein und fand dort ihre ideale Form: das Gstanzl, den spontanen Spottvierzeiler.
Den eigentlichen Ritterschlag erhielt die Melodie schon 1949, einige Jahre bevor in Einsiedeln überhaupt an ein Pagatverbrennen zu denken war, als die neu gegründete Luzerner Guggenmusik „Chatzemusig Lozärn“ sie zu ihrem offiziellen Lauflied „s’Eis“ kürte. Aus dem Berliner Modetanz war da längst eine gestandene Fasnachtshymne geworden. Als die Bürgerwehr wenig später ihren neuen Brauch aus der Taufe hob, gab es die Melodie also schon, fix und fertig eingebürgert, bereit, sich einem weiteren Umzug anzuschliessen.
Eine Verwechslung sei an dieser Stelle ausdrücklich ausgeräumt: Mit der Urner „Katzenmusik“ hat das Stück trotz des gemeinsamen Tiernamens nichts zu tun. Jene basiert auf einem französischen Militärsignal, das 1871 mit der internierten Bourbaki-Armee ins Land kam, eine völlig andere Katze, ein völlig anderer Stall.
„DIE SÄNGER VOM FINSTEREN WALDE“: EIN SPOTTLIED AUF WANDERSCHAFT
Die zweite Melodie ist noch etwas älter und hat eine ebenso vergnügliche Geschichte zu bieten. Sie stammt aus einer Berliner Burleske von 1899, in der sich der Textdichter Wilhelm Wolff über ein verschlafenes Provinznest namens Finsterwalde in Brandenburg lustig machte, komponiert als Spott auf dessen angeblich rückständige Sangeskultur. Die Finsterwalder nahmen es sportlich: Sie eigneten sich den Spott kurzerhand an und nennen sich seither stolz „Sängerstadt“, ihre Tradition steht heute sogar im Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes.
Die Melodie selbst zog derweil unabhängig davon weiter, über Drehorgeln, Spieldosen und Blasmusikverlage, die sie bereits in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts in ganz Süddeutschland, Österreich und der Schweiz verbreiteten, ein halbes Jahrhundert, bevor in Einsiedeln überhaupt jemand an ein brennendes Stroh-Männchen dachte. Auf dieser Reise passierte etwas Hübsches: Der Ortsname „Finsterwalde“ verlor sich im mündlichen Weiterreichen und wurde zu „der finstere Wald“, einem romantischen Märchenmotiv. So wurde aus einer bissigen Berliner Lokalsatire ein anonymes, textloses Stück Blasmusik-Repertoire, unauffällig genug, um in praktisch jedem Umzug im deutschsprachigen Raum mitzumarschieren, auch im Einsiedler.
Die Fasnachts-Zyschtigs-Musik spielt es bis heute konsequent instrumental, ganz ohne Gesang, während sie dem weinenden Tross der Hudi und Teufel vorausschreitet, hinaus zum Scheiterhaufen des Pagats.
ZWEI ZUZÜGER, EIN JUNGER BRAUCH
So zieht am Dienstagabend, an der Spitze des Trauerzugs zum Pagat, eine preussische Salonpolka mit norddeutschem Spottvers im Gepäck neben einem Berliner Kabarett-Gag auf Kosten eines Provinzstädtchens durchs Dorf. Beide Melodien waren schon Jahrzehnte unterwegs und in der Schweizer Volksmusik bestens etabliert, bevor der erste Pagat in Einsiedeln überhaupt brannte. Nicht der Brauch hat sich eine Musik gesucht, sondern eine längst vorhandene Musik hat sich, als der Brauch entstand, einen neuen Anlass gesucht, an dem sie mitziehen durfte. Vielleicht ist genau das die eigentliche Pointe: Eine Tradition muss nicht uralt sein, um sich echt anzufühlen, es reicht, wenn sie sich die richtigen, längst gereiften Melodien borgt und sie so oft spielt, dass niemand mehr fragt, woher sie eigentlich kommen.
QUELLEN
Zur Melodie „Hau de Chatz de Schwanz ab“
• Sämi Studer: Die Fasnachts-Hymne «Hau i de Chatz de Schwanz ab», Musikwelle Magazin, SRF, srf.ch/audio/musikwelle-magazin
• Hanny Christen: Hanny Christen’s Collection, Vol. 4
• Tanzbeschreibung Kreuzpolka, Trachtenverein Menzing, trachtenverein-menzing.de
Zur Melodie „Die Sänger vom Finsteren Walde“
• Wir sind die Sänger von Finsterwalde…, Liederkranz Salzstetten, liekra-salzstetten.de
• Sängerstadt Finsterwalde, brandenburgikon.de
• «Reichtum unseres Landes»: Berliner Techno und Finsterwalder Sangestradition in Brandenburg sind jetzt Kulturerbe, Der Tagesspiegel
• Finsterwalde, Wikipedia
Zum Pagatverbrennen
• Ernst-Louis Bingisser: Der Pagat, eine kleine Untersuchung. In: Schriften des Kulturvereins Chärnehus Einsiedeln, Heft 31, S. 139–150
• Interview mit Candid und Therese Knüsel, Projektarchiv Bodenerdenlustig























