Der perfekte Klick: Ein Foto, zwei Protagonisten und das Geheimnis hinter der Larve

Einsiedeln, Dienstag, 4. März 2003. Ein Nachmittag, der die Zeit stillstehen liess – nicht nur auf dem Filmstreifen, sondern auch in der Geschichte zweier Männer, die damals noch nicht ahnten, dass sie zwanzig Jahre später gemeinsam Filmgeschichte schreiben würden.

Stellen wir uns kurz die Welt von 2003 vor. Smartphones waren noch reine Science-Fiction, Mark Zuckerberg bastelte vielleicht gerade an einer Vorform von Facebook in seinem Wohnheimzimmer, und das Wort «Influencer» war höchstens eine medizinische Diagnose für jemanden mit einer besonders hartnäckigen Grippe. In Einsiedeln herrschte jedoch derselbe Ausnahmezustand wie seit Jahrhunderten: Es war Fasnachtsdienstag.

Die Brotauswerfer des Turnvereins Einsiedeln waren in ihrem Element. Von der Bühne flogen die «Mütschli» (Brote) in die gierige, wogende Menge, die aus tausenden Kehlen den legendären Ruf anstimmte: «Mir eis! – Mir eis!» Ein geordnetes Chaos, eine Ekstase aus Lärm, Tradition und Adrenalin. Nach dem Spektakel zog die Brotauswerfer Gruppe im tänzelnden Schritt die Hauptstrasse hinunter – Ziel: ein lokales Restaurant für eine kurze, wohlverdiente Erfrischung.

Mitten in diesem bunten Treiben stand Franz Kälin. In seinen Händen hielt er kein Spielzeug, sondern eine Legende der Fotogeschichte: eine Pentax 67. Diese Mittelformatkamera ist unter Fotografen als «das Biest» bekannt – schwer, laut und unerbittlich präzise. Bestückt mit einem 105mm 1:2,4 Objektiv und einem frischen Kodak Supra 100 Film (120er Rollfilm).

Für alle, die im digitalen Zeitalter aufgewachsen sind: Franz hatte genau zehn Versuche. Zehn Bilder pro Rolle. Ein Negativ von 6×7 Zentimetern, das Details einfängt, von denen heutige Handykameras nur träumen können. Es war ein Setup für Meisterwerke, bei dem jeder Handgriff sitzen musste.

Franz postierte sich mutig auf dem Kopfsteinpflaster, im direkten Kollisionskurs mit den anrückenden Brotauswerfern. Dann geschah es: Ein Fingerdruck. Ein trockenes, sattes Klicken für den Bruchteil von 1/500 Sekunde. Das Bild war im Kasten.

Das Ergebnis ist heute in der Fasnachtsszene längst Kult. Es zeigt einen «Johee» in voller Pracht: mit federndem Schritt, den Finger direkt auf die Linse gerichtet, fast so, als wollte er den Fotografen (und uns Zuschauer) direkt ermahnen oder herausfordern. Während die Gruppe im Hintergrund zu einem impressionistischen Meer aus Farben verschwimmt, ist der Johee messerscharf eingefroren. Ein Volltreffer auf Zelluloid. Ein Moment für die Ewigkeit.

Was Franz in jenem Augenblick – und für die nächsten zwei Jahrzehnte – nicht wusste: Das Schicksal hat manchmal einen Humor, den kein Drehbuchautor besser hätte erfinden können.

Hinter der schweren, hölzernen Johee-Larve schwitzte an diesem Nachmittag ein junger Mann namens Roland Ochsner. Während Franz durch den Sucher seiner Pentax blickte, schaute Roland durch die schmalen Sehschlitze der Maske direkt in die Linse. Zwei kreative Geister begegneten sich, ohne sich zu erkennen.

Heute, über zwanzig Jahre später, sind die beiden keine Unbekannten mehr. Sie sind Partner. Gemeinsam arbeiten sie an einem grossen Dokumentarfilmprojekt über genau diese Tradition, die sie damals so instinktiv festhielten.

«Bodenehrenlustig – Die Einsiedler und ihre Fasnacht» heisst das Werk. Es ist mehr als nur ein Film; es ist die Aufarbeitung einer tief verwurzelten Leidenschaft. Wenn man das Foto von 2003 heute betrachtet, sieht man nicht mehr nur einen anonymen Maskenträger und eine technische Meisterleistung. Man sieht den Keim eines Projekts, das die Essenz der Einsiedler Fasnacht einfängt: Die Verbindung zwischen dem, was man sieht (die Fotografie von Franz), und dem, was man fühlt (das Erleben von Roland unter der Maske).

Manchmal braucht es eben zwanzig Jahre bis ein Bild seine ganze Geschichte erzählt.

Hinter der Kamera Franz Kälin – Hinter der Maske Roland Ochsner

Pentax 67 «das Biest» die von Franz  verwendete Kamera

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