Roland Ochsner

  • Unbenannter Beitrag 407

    Woher kommt die Fasnacht – und was macht Einsiedeln besonders?

    Bodenerdenlustig – die Einsiedler und ihre Fasnacht

    Ein weit verbreiteter Irrtum

    Die Fasnacht ist kein uralter germanischer Brauch. Sie geht nicht auf heidnische Frühlingsrituale zurück, auch nicht auf die römischen Saturnalien. So tief verwurzelt diese Vorstellung im Volksmund ist – die Forschung hat sie widerlegt. Die ältesten gesicherten Zeugnisse stammen erst aus dem Spätmittelalter. Für die Schweiz gibt es einen ersten Wortbeleg aus dem Jahr 1283. Als greifbares Ereignis taucht die Fasnacht erst gegen Ende des 14. Jahrhunderts auf – in Basel zum Beispiel 1418.

    Was die Fasnacht dagegen zweifelsfrei ist: ein Kind der christlichen Fastenzeit. Das Wort «Fasnacht» bedeutet die Nacht vor dem Fasten – die Vigil vor der 40-tägigen Enthaltsamkeit. Und das Wort Karneval stammt vom lateinischen «carne(m) levare»: das Fleisch wegräumen. Ohne Fastenzeit keine Fasnacht. 

    Verbote – und warum die Reformierten keine Fasnacht haben

    Schon im 15. Jahrhundert versuchten Obrigkeiten, das Maskenlaufen einzudämmen. Sie fürchteten den subversiven Charakter der Fasnacht: die Umkehrung von Ordnung und Hierarchie, den Deckmantel der Maske. Die Reformatoren verboten die Fasnacht schliesslich gänzlich als «papistisches Treiben» – und da die Fastenzeit im protestantischen Kalender wegfiel, fiel damit auch ihr Gegengewicht weg. Bis heute gilt: Wo die Reformation gewann, blieb die Fasnacht meistens aus. In Einsiedeln, im Herzen der Innerschweiz, hat sie sich gehalten – ungebrochen und lebendig.

    Die Einsiedler Fasnacht: drei Schichten, ein Volksfest

    Der Volkskundler Martin Gyr hat die Einsiedler Fasnacht präzise charakterisiert: Sie ist «bodenerdenlustig» – ein wahres Volksfest, an dem reich und arm einträchtig mitfesten. Und in ihrer Struktur lassen sich drei Schichten erkennen: die des uralten Naturmythos, die Barocke und die Moderne. Alle drei sind heute noch spürbar.

    Die Fasnacht beginnt in der Dreikönigsnacht: Nach dem Glockenläuten des Klosters um 20:00h ertönt das rhythmisch-monotone Treicheln der «Buurätreichler» zusammen mit dem «Geisslächlepfä» und dem etwas schnellere Treicheln der «Füdlitrichler» durch das Dorf – das Eintreicheln. Es ist ein Aufbruch aus dem Dunkel heraus, der fliessende Übergang von der Weihnachtszeit in die fünfte Jahreszeit der Fasnacht. Wer schlafen will, dreht sich kurz um und murmelt: «Aha, sie läuten die Fasnacht ein.»

    Der Fahrplan der Hochphase

    Die drei Haupttage – Schmutziger Donnerstag, Güdelmontag und Fasnachtsdienstag – folgen einem ungeschriebenen, aber fest verankerten Rhythmus. Die Vomittage am Donnerstag und Montag gehören den Teufeln und den Sühudi: grotesken, wild zusammengewürfelten Gestalten, die intrigieren, lärmen und das Dorf auf den Kopf stellen. Niemand organisiert sie. Sie erscheinen einfach.

    Die Nachmittage gehören den Umzügen. Am Donnerstag der Kinderumzug mit hunderten kleiner Mäschgli meist im Verbund unterwegs, am Montag der grosse Wagenumzug auch mit auswärtigen Gruppen und Guggenmusiken und am Fasnachtsdienstag dem Brotauswerfen: Johee, Mummerie und Hörelibajass steigen auf Bretterbühnen und werfen Mütschli in die wartende Menge. «Mir eis, mir eis!» rufen Hunderte. Die Abende und Nächte gehören den Masken – es gibt keine geschlossenen Bälle, man besucht die Restaurants und Beizli nach Belieben oder feiert auf der Strasse. Am Schmutzigen Donnerstag ziehen die Schnitzelbänkler durch die Restaurants und halten dem Dorf den Spiegel vor.

    Den Abschluss bildet das Pagatverbrennen am Dienstagabend: Auf der Hauptstrasse vor dem Kloster wird eine Strohpuppe verbrannt, begleitet von Trichlern, weinenden Hudi und der Fasnachtszyschtig-Musik. Mit dem Feuer endet – offiziell – die fünfte Jahreszeit und mit dem 12. Glockenschlag zu Mitternacht von der grossen Glocke im Kloster beginnt die Fastenzeit. 

    Was Einsiedeln von anderen unterscheidet

    Die meisten Masken und Bräuche, die heute als «uralt» gelten, sind historisch jünger als gedacht: Die typischen Lokalgestalten des Kantons Schwyz entstanden grösstenteils im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Das Brotauswerfen dürfte ins späte 17. Jahrhundert oder frühe 18. Jahrhundert zurück gehen. 

    Die Einsiedler waren jahrhundertelang Untertanen des Klosters. Der Abt bis zur Französischen Revolution Fürst-Abt, weltliche wie geistliche Macht in einer Hand. Eine eigene Aristokratie hat es nie gegeben. Kein Adel, keine Herren, keine Familien, die über anderen standen. Linus Birchler hat das auf den Punkt gebracht: Das Fehlen jeder Form von Aristokratie machte das Gleichheitsgefühl aller zu etwas Selbstverständlichem.

    Dieses Gefühl ist nirgends greifbarer als an der Fasnacht. Am Güdelmontag sitzen die Sühudi nach dem Umzug in den Restaurants, die Larven hochgeschoben, ein Getränk auf dem Tisch und reden miteinander. Maurer, Hochschulprofessoren, Lehrlinge, Doktoren, Bauern, Studenten, Bankdirektoren, einfache Büezer. Für diesen einen Tag gilt keiner dieser Titel etwas. Die Fasnacht schafft, was der Alltag selten schafft: echte Schwerelosigkeit zwischen Menschen, die sich sonst auf verschiedenen Etagen begegnen.

    Was Einsiedeln zusätzlich unterscheidet, ist nicht das Alter der Bräuche, sondern auch ihre Dichte: das Eintreicheln in der Dreikönigsnacht, der Sühudiumzug ohne Organisator, das Brotauswerfen mit seinen einzigartigen Figuren, das Pagatverbrennen vor dem Kloster, alles eingebettet in ein Dorf, das seit bald 1100 Jahren im Rhythmus seines Klosters lebt.

    Die Einsiedler Fasnacht ist nicht trotz des Klosters so lebendig — sie ist es wegen ihm.

    Quellen

    Paul Hugger, «Fasnacht / Karneval», Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), 2005

    Martin Gyr, Einsiedler Volksbräuche – Fasnacht (S. 30–44)

    Schwyzer Maskenlandschaft, Kulturverein Chärnehus Einsiedeln, Schriften Nr. 31

    Interview mit Abt Urban Federer, Kloster Einsiedeln (Bodenerdenlustig, April 2026)

  • Der perfekte Klick: Ein Foto, zwei Protagonisten und das Geheimnis hinter der Larve

    Der perfekte Klick: Ein Foto, zwei Protagonisten und das Geheimnis hinter der Larve

    Einsiedeln, Dienstag, 4. März 2003. Ein Nachmittag, der die Zeit stillstehen liess – nicht nur auf dem Filmstreifen, sondern auch in der Geschichte zweier Männer, die damals noch nicht ahnten, dass sie zwanzig Jahre später gemeinsam Filmgeschichte schreiben würden.

    Stellen wir uns kurz die Welt von 2003 vor. Smartphones waren noch reine Science-Fiction, Mark Zuckerberg bastelte vielleicht gerade an einer Vorform von Facebook in seinem Wohnheimzimmer, und das Wort «Influencer» war höchstens eine medizinische Diagnose für jemanden mit einer besonders hartnäckigen Grippe. In Einsiedeln herrschte jedoch derselbe Ausnahmezustand wie seit Jahrhunderten: Es war Fasnachtsdienstag.

    Die Brotauswerfer des Turnvereins Einsiedeln waren in ihrem Element. Von der Bühne flogen die «Mütschli» (Brote) in die gierige, wogende Menge, die aus tausenden Kehlen den legendären Ruf anstimmte: «Mir eis! – Mir eis!» Ein geordnetes Chaos, eine Ekstase aus Lärm, Tradition und Adrenalin. Nach dem Spektakel zog die Brotauswerfer Gruppe im tänzelnden Schritt die Hauptstrasse hinunter – Ziel: ein lokales Restaurant für eine kurze, wohlverdiente Erfrischung.

    Mitten in diesem bunten Treiben stand Franz Kälin. In seinen Händen hielt er kein Spielzeug, sondern eine Legende der Fotogeschichte: eine Pentax 67. Diese Mittelformatkamera ist unter Fotografen als «das Biest» bekannt – schwer, laut und unerbittlich präzise. Bestückt mit einem 105mm 1:2,4 Objektiv und einem frischen Kodak Supra 100 Film (120er Rollfilm).

    Für alle, die im digitalen Zeitalter aufgewachsen sind: Franz hatte genau zehn Versuche. Zehn Bilder pro Rolle. Ein Negativ von 6×7 Zentimetern, das Details einfängt, von denen heutige Handykameras nur träumen können. Es war ein Setup für Meisterwerke, bei dem jeder Handgriff sitzen musste.

    Franz postierte sich mutig auf dem Kopfsteinpflaster, im direkten Kollisionskurs mit den anrückenden Brotauswerfern. Dann geschah es: Ein Fingerdruck. Ein trockenes, sattes Klicken für den Bruchteil von 1/500 Sekunde. Das Bild war im Kasten.

    Das Ergebnis ist heute in der Fasnachtsszene längst Kult. Es zeigt einen «Johee» in voller Pracht: mit federndem Schritt, den Finger direkt auf die Linse gerichtet, fast so, als wollte er den Fotografen (und uns Zuschauer) direkt ermahnen oder herausfordern. Während die Gruppe im Hintergrund zu einem impressionistischen Meer aus Farben verschwimmt, ist der Johee messerscharf eingefroren. Ein Volltreffer auf Zelluloid. Ein Moment für die Ewigkeit.

    Was Franz in jenem Augenblick – und für die nächsten zwei Jahrzehnte – nicht wusste: Das Schicksal hat manchmal einen Humor, den kein Drehbuchautor besser hätte erfinden können.

    Hinter der schweren, hölzernen Johee-Larve schwitzte an diesem Nachmittag ein junger Mann namens Roland Ochsner. Während Franz durch den Sucher seiner Pentax blickte, schaute Roland durch die schmalen Sehschlitze der Maske direkt in die Linse. Zwei kreative Geister begegneten sich, ohne sich zu erkennen.

    Heute, über zwanzig Jahre später, sind die beiden keine Unbekannten mehr. Sie sind Partner. Gemeinsam arbeiten sie an einem grossen Dokumentarfilmprojekt über genau diese Tradition, die sie damals so instinktiv festhielten.

    «Bodenehrenlustig – Die Einsiedler und ihre Fasnacht» heisst das Werk. Es ist mehr als nur ein Film; es ist die Aufarbeitung einer tief verwurzelten Leidenschaft. Wenn man das Foto von 2003 heute betrachtet, sieht man nicht mehr nur einen anonymen Maskenträger und eine technische Meisterleistung. Man sieht den Keim eines Projekts, das die Essenz der Einsiedler Fasnacht einfängt: Die Verbindung zwischen dem, was man sieht (die Fotografie von Franz), und dem, was man fühlt (das Erleben von Roland unter der Maske).

    Manchmal braucht es eben zwanzig Jahre bis ein Bild seine ganze Geschichte erzählt.

    Hinter der Kamera Franz Kälin – Hinter der Maske Roland Ochsner

    Pentax 67 «das Biest» die von Franz  verwendete Kamera

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    «bodenerdenlustig» – ein komisches Wort?