Woher kommt die Fasnacht – und was macht Einsiedeln besonders?
Bodenerdenlustig – die Einsiedler und ihre Fasnacht
Ein weit verbreiteter Irrtum
Die Fasnacht ist kein uralter germanischer Brauch. Sie geht nicht auf heidnische Frühlingsrituale zurück, auch nicht auf die römischen Saturnalien. So tief verwurzelt diese Vorstellung im Volksmund ist – die Forschung hat sie widerlegt. Die ältesten gesicherten Zeugnisse stammen erst aus dem Spätmittelalter. Für die Schweiz gibt es einen ersten Wortbeleg aus dem Jahr 1283. Als greifbares Ereignis taucht die Fasnacht erst gegen Ende des 14. Jahrhunderts auf – in Basel zum Beispiel 1418.
Was die Fasnacht dagegen zweifelsfrei ist: ein Kind der christlichen Fastenzeit. Das Wort «Fasnacht» bedeutet die Nacht vor dem Fasten – die Vigil vor der 40-tägigen Enthaltsamkeit. Und das Wort Karneval stammt vom lateinischen «carne(m) levare»: das Fleisch wegräumen. Ohne Fastenzeit keine Fasnacht.
Verbote – und warum die Reformierten keine Fasnacht haben
Schon im 15. Jahrhundert versuchten Obrigkeiten, das Maskenlaufen einzudämmen. Sie fürchteten den subversiven Charakter der Fasnacht: die Umkehrung von Ordnung und Hierarchie, den Deckmantel der Maske. Die Reformatoren verboten die Fasnacht schliesslich gänzlich als «papistisches Treiben» – und da die Fastenzeit im protestantischen Kalender wegfiel, fiel damit auch ihr Gegengewicht weg. Bis heute gilt: Wo die Reformation gewann, blieb die Fasnacht meistens aus. In Einsiedeln, im Herzen der Innerschweiz, hat sie sich gehalten – ungebrochen und lebendig.
Die Einsiedler Fasnacht: drei Schichten, ein Volksfest
Der Volkskundler Martin Gyr hat die Einsiedler Fasnacht präzise charakterisiert: Sie ist «bodenerdenlustig» – ein wahres Volksfest, an dem reich und arm einträchtig mitfesten. Und in ihrer Struktur lassen sich drei Schichten erkennen: die des uralten Naturmythos, die Barocke und die Moderne. Alle drei sind heute noch spürbar.
Die Fasnacht beginnt in der Dreikönigsnacht: Nach dem Glockenläuten des Klosters um 20:00h ertönt das rhythmisch-monotone Treicheln der «Buurätreichler» zusammen mit dem «Geisslächlepfä» und dem etwas schnellere Treicheln der «Füdlitrichler» durch das Dorf – das Eintreicheln. Es ist ein Aufbruch aus dem Dunkel heraus, der fliessende Übergang von der Weihnachtszeit in die fünfte Jahreszeit der Fasnacht. Wer schlafen will, dreht sich kurz um und murmelt: «Aha, sie läuten die Fasnacht ein.»
Der Fahrplan der Hochphase
Die drei Haupttage – Schmutziger Donnerstag, Güdelmontag und Fasnachtsdienstag – folgen einem ungeschriebenen, aber fest verankerten Rhythmus. Die Vomittage am Donnerstag und Montag gehören den Teufeln und den Sühudi: grotesken, wild zusammengewürfelten Gestalten, die intrigieren, lärmen und das Dorf auf den Kopf stellen. Niemand organisiert sie. Sie erscheinen einfach.
Die Nachmittage gehören den Umzügen. Am Donnerstag der Kinderumzug mit hunderten kleiner Mäschgli meist im Verbund unterwegs, am Montag der grosse Wagenumzug auch mit auswärtigen Gruppen und Guggenmusiken und am Fasnachtsdienstag dem Brotauswerfen: Johee, Mummerie und Hörelibajass steigen auf Bretterbühnen und werfen Mütschli in die wartende Menge. «Mir eis, mir eis!» rufen Hunderte. Die Abende und Nächte gehören den Masken – es gibt keine geschlossenen Bälle, man besucht die Restaurants und Beizli nach Belieben oder feiert auf der Strasse. Am Schmutzigen Donnerstag ziehen die Schnitzelbänkler durch die Restaurants und halten dem Dorf den Spiegel vor.
Den Abschluss bildet das Pagatverbrennen am Dienstagabend: Auf der Hauptstrasse vor dem Kloster wird eine Strohpuppe verbrannt, begleitet von Trichlern, weinenden Hudi und der Fasnachtszyschtig-Musik. Mit dem Feuer endet – offiziell – die fünfte Jahreszeit und mit dem 12. Glockenschlag zu Mitternacht von der grossen Glocke im Kloster beginnt die Fastenzeit.
Was Einsiedeln von anderen unterscheidet
Die meisten Masken und Bräuche, die heute als «uralt» gelten, sind historisch jünger als gedacht: Die typischen Lokalgestalten des Kantons Schwyz entstanden grösstenteils im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Das Brotauswerfen dürfte ins späte 17. Jahrhundert oder frühe 18. Jahrhundert zurück gehen.
Die Einsiedler waren jahrhundertelang Untertanen des Klosters. Der Abt bis zur Französischen Revolution Fürst-Abt, weltliche wie geistliche Macht in einer Hand. Eine eigene Aristokratie hat es nie gegeben. Kein Adel, keine Herren, keine Familien, die über anderen standen. Linus Birchler hat das auf den Punkt gebracht: Das Fehlen jeder Form von Aristokratie machte das Gleichheitsgefühl aller zu etwas Selbstverständlichem.
Dieses Gefühl ist nirgends greifbarer als an der Fasnacht. Am Güdelmontag sitzen die Sühudi nach dem Umzug in den Restaurants, die Larven hochgeschoben, ein Getränk auf dem Tisch und reden miteinander. Maurer, Hochschulprofessoren, Lehrlinge, Doktoren, Bauern, Studenten, Bankdirektoren, einfache Büezer. Für diesen einen Tag gilt keiner dieser Titel etwas. Die Fasnacht schafft, was der Alltag selten schafft: echte Schwerelosigkeit zwischen Menschen, die sich sonst auf verschiedenen Etagen begegnen.
Was Einsiedeln zusätzlich unterscheidet, ist nicht das Alter der Bräuche, sondern auch ihre Dichte: das Eintreicheln in der Dreikönigsnacht, der Sühudiumzug ohne Organisator, das Brotauswerfen mit seinen einzigartigen Figuren, das Pagatverbrennen vor dem Kloster, alles eingebettet in ein Dorf, das seit bald 1100 Jahren im Rhythmus seines Klosters lebt.
Die Einsiedler Fasnacht ist nicht trotz des Klosters so lebendig — sie ist es wegen ihm.
Quellen
Paul Hugger, «Fasnacht / Karneval», Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), 2005
Martin Gyr, Einsiedler Volksbräuche – Fasnacht (S. 30–44)
Schwyzer Maskenlandschaft, Kulturverein Chärnehus Einsiedeln, Schriften Nr. 31
Interview mit Abt Urban Federer, Kloster Einsiedeln (Bodenerdenlustig, April 2026)




