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  • Wer an der Einsiedler Fasnacht teilnimmt, ist ein Hudi. Doch auch das Wort Mäschgli ist in Einsiedeln geläufig, nur meint es etwas anderes. Zehn Kilometer weiter im Dorf Schwyz wiederum ist grundsätzlich jede maskierte Person ein Mäschgerli. Im Bezirk Höfe heisst die gleiche Person Bögg, in der March Butzi. Mehrere Bezeichnungen, mehrere Landstriche, und hinter jedem Wort eine eigene Geschichte.

    Das hat Werner Röllin in der Schwyzer Maskenlandschaft präzise festgehalten: «Im alten Landesteil nennt man sie Maschgerad oder Mäschgerli, in Einsiedeln Hudi, in den Höfen Bögg und in der March Butzi.»¹ Was wie eine blosse dialektale Spielerei wirkt, offenbart bei näherer Betrachtung tief verwurzelte Unterschiede im Verhältnis der Menschen zur Maske, und zeigt sich in Einsiedeln sogar innerhalb des eigenen Wortschatzes.

    Das Mäschgli: die schöne Maske

    Das Wort Mäschgerli (in Einsiedeln kurz: Mäschgli) ist ein Diminutiv und kommt direkt aus dem Romanischen — vom französischen masque, dem italienischen maschera.² Im übrigen Kanton bezeichnet es schlicht eine maskierte Person, ohne weitere Festlegung auf Figur oder Charakter. In Einsiedeln selbst hat sich das Wort jedoch verengt: Ein Mäschgli ist eine schöne, hübsch Figur, meist von Frauen dargestellt. Fein, gefällig, mit Anspruch auf Ästhetik. Das Mäschgli ist eine hübsch gewandete Erscheinung, die man laut den Einsiedler Fasnachtsschriften weniger an den wilden Umzügen antrifft als an Maskenbällen und in den Wirtsstuben.³ Die Maske ist hier Schmuck und Verwandlung zugleich, aber nicht Bedrohung. Sie verändert die Erscheinung, aber nicht das Wesen.

    Das Hudi: die Maske als Wesensform

    Das Einsiedler Wort Hudi kommt aus einer ganz anderen Welt. Das Schweizerische Idiotikon definiert es als «hässliche Maske», eine aus Stroh und Lumpen gefertigte, mit einem Hut versehene menschliche Figur.⁴ Verächtlich war es ein Übername für weibliche Wesen, besonders für Hexen und Gespenster. In Steinen, unweit von Einsiedeln, fuhr das Aa-Hudi bei Wassergüssen auf einem Baumstamm sitzend das Tobel hinunter.⁴ In den 1920er Jahren verstarb in Einsiedeln das aus Tuggen stammende March-Hudi, eine alte, hässlich aussehende Frau, die den Übernamen einer Sagengestalt trug.⁴

    Das Hudi ist also keine Verkleidung. Es ist ein Typus, grotesk, bedrohlich, randständig. Kein Zufall, dass das Sühudi, jene wilde Groteskmaske aus Papiermaché, die am Güdelmontag die Strassen Einsiedelns bevölkert, 1885 in den Zeitungen erstmals als «wüesti Hudi» auftauchte.⁵ Die hässliche Maske hatte einen Namen bekommen, und mit ihm eine Tradition.

    So stehen sich in Einsiedeln, anders als im übrigen Kanton, zwei Pole gegenüber, die sich gegenseitig erst richtig erklären: das Hudi als das Grobe, Wilde, Groteske, und das Mäschgli als sein feines Gegenstück, hübsch und dekorativ.

    Fussnoten

    1  Werner Röllin, Schwyzer Maskenlandschaft, S. 41.
    2  Schweizerisches Idiotikon, Bd. 4, Sp. 508 («Mäschgerli»).
    3  Die Einsiedler Fasnachtsfiguren, in: Schriften des Kulturvereins Chärnehus Einsiedeln, Nr. 31, S. 97–110.
    4  Schweizerisches Idiotikon, Bd. 4, Sp. 1001f. («Hudi»); Sp. 1082ff. («Bögg»); Sp. 2003ff. («Butz/Butzi»).
    5  Werner Röllin, Schwyzer Maskenlandschaft, S. 41 (1885: «wüesti Hudi»).

  • Vom Bankrott zum Brauch:

    Wenn am Fasnachtsdienstag Johee, Mummerie und Hörelibajass auf die Bretterbühnen steigen und Hunderte von Mütschli in die wartende Menge werfen, erlebt Einsiedeln einen seiner intensivsten Fasnachtsmomente. Rund zwei Tonnen Brot, etwa 8’000 Laibe zu je 250 Gramm,  fliegen an diesem Nachmittag durch die Luft. Was heute wie ein fröhliches Ritual der Grosszügigkeit wirkt, hat einen deutlich schwermütigeren Ursprung.

    Die Welschlandfahrten

    Im 16. und 17. Jahrhundert erlebte die Innerschweiz eine Blütezeit der Viehwirtschaft. Weil das Winterfutter knapp war, trieben Einsiedler und Schwyzer Bauern, die sogenannten Senntnenbauern, ihre Viehherden über den Gotthard nach Oberitalien, um sie dort zu verkaufen. Diese „Welschlandfahrten» waren riskante Unternehmungen: Wer Glück hatte, kehrte mit vollen Taschen heim. Wer Pech hatte, durch Seuchen, Überfälle, frühzeitigen Wintereinbruch, einen schlechten Markt oder schlechte Karten oder Würfel beim Glücksspiel, verlor Hab und Gut und kam mittellos zurück.

    Die mündliche Überlieferung datiert den Brauch des Brotauswerfens, welcher auf diese Welschlandfarten zurückgeht,  bis ins 17. Jahrhundert zurück; schriftlich fassbar ist er allerdings erst ab dem frühen 19. Jahrhundert.

    Die Legende von Johee, Mummerie und Hörelibajass

    Die Geschichte erzählt von Vieh- und Pferdehändlern, die verarmt aus dem Welschland heimkehren und ihre Schmach nicht eingestehen wollen. Um den Schein zu wahren, geben sie sich betont grosszügig: Mit ihren letzten Reserven kaufen sie Brot und werfen es der wartenden Dorfbevölkerung zu, als wären sie reiche Wohltäter. Das Volk aber durchschaut die Täuschung und dieser Spott steht mit auf der Bühne: als Hörelibajass, der die beiden Angeber mit seinen Sprüngen und Fingerzeigen blossstellt und so zur dritten festen Figur des Rituals wird.

    Der Volkskundler Linus Birchler brachte es so auf den Punkt: Der Johee trägt die Kuhglocke selbst um den Leib und den Reisigbesen in der Hand, weil er kein Vieh mehr besitzt, der Mummerie hat das Pferdegeschirr umgehängt und trägt einen Pferdeschweif in der Hand, weil ihm die Pferde abhandengekommen sind. Beide spielen mit den Insignien eines Reichtums, den sie längst verloren haben.

    Vom Pfauenwirt zum Turnverein

    Der Brauch ist deutlich älter als sein heutiger Träger. Lange bevor der Turnverein ihn übernahm, gehörten Garderobe, Larven und Requisiten dem Pfauenwirt Martin Gyr und später seinen Nachfolgern Karl Gyr-Tanner und Karl Gyr-Kälin, deren Familien für den Unterhalt sorgten. Ein Kreis befreundeter Herren, darunter Behördenmitglieder und Offiziere, veranstaltete jeweils am Fastnachtsmontag eine Volksvorstellung, sammelte in wohltätigen Familien Geld und kaufte am Dienstag das Brot zum Auswerfen. Erst um 1903 übergab Pfauenwirt Karl Gyr-Kälin die Garderobe und einige alte Larven dem Turnverein Einsiedeln, der sich damit verpflichtete, den Brauch weiterzuführen. Eine Aufgabe, welche der Turnverein STV Einsiedeln seit der Fasnacht 1904 mit Stolz, Freude, Gewissenhaftigkeit  und viel Engagement durchführt. 

    Vom Spott zur Wohltätigkeit

    Interessant ist, wie sich die Bedeutung des Brauchs im Lauf der Jahrhunderte verschoben hat. Im 17. und 18. Jahrhundert, geprägt von wiederkehrender Armut, erhielt das Brotauswerfen eine zusätzliche, sehr reale Funktion: die Speisung der Bedürftigen. Rund um die Bretterbühnen versammelten sich, wie es eine Quelle von 1933 festhält, Hunderte Männer, Frauen und Kinder, streckten die Hände empor und riefen „Mir eis, mir eis!» Aus einer Verspottung wohlstandsheuchelnder Heimkehrer wurde so auch ein Akt der Solidarität, bei dem tatsächlich niemand leer ausging.

    Bis heute trägt der Brauch beide Schichten in sich: die ironische Erinnerung an verlorenes Glück und geplatzte Träume und die grosszügige Geste des Teilens, die der Einsiedler Fasnacht bis heute ihren ganz eigenen, bodenerdenlustigen Charakter gibt.

    Linus Birchler, in: Volksbräuche, Heft 1933/28
    Kulturverein Chärnehus Einsiedeln, Schriften Nr. 31: Fasnacht im alten Einsiedeln
    Fasnachtsgesellschaft Bürgerwehr Einsiedeln, stv-einsiedeln.ch – „Brotauswerfen: Geschichte und Hintergrund» sowie „Brotauswerfen: Figuren»
    Martin Gyr, Einsiedler Volksbräuche – Fasnacht
    René Oechslin, Interview für den Dokumentarfilm „Bodenerdenlustig» (2026)

  • Der Sühudiumzug

    Der Umzug findet am Güdelmontag statt und ist ein durch und durch unorganisiertes Phänomen: kein Veranstalter, keine Anmeldelisten, keine offiziellen Routenpläne. Die einzige Regel ist ungeschriebenes Gewohnheitsrecht: Abmarsch um 9 Uhr vom Dorfplatz, und „dr Leittüüfel seit wo durä», der Leitteufel gibt die Richtung vor. Kurz davor ist noch kein Bein auf dem Platz zu sehen, dann, wie auf ein unsichtbares Zeichen, strömen alle aus ihren Löchern, ohne dass jemand pfeift oder trommelt. Es ist einfach die Tradition, die von selbst funktioniert.

    Ein „Sühudi» sucht sich seine Garderobe bewusst grotesk zusammen: alter Kleiderplunder, ausgediente Militärsachen, Körbe, Schirme, je bunter und übertriebener, desto besser. Unter Kostüm und Larve kann jeder stecken, der Doktor genauso wie der Handwerker. Jeder hat Utensilien dabei, Teppichklopfer, Putzwedel, alte Pfannen, Schnittmuster, ein Fläschchen Schnaps und eine Schweinsblase zum Auf-den-Boden-Schlagen gehören ebenso dazu wie allerlei Kuriositäten, ein altes Radio, ein Zählrahmen, Utensilien aus einer Apotheke, Stoffreste. Man zieht bewusst an, was nicht zusammenpasst. Unverzichtbar ist dabei die selbstgebastelte Larve; gekaufte Ware, etwa fabrizierte Gummimasken, gilt als Stilbruch. Wie sie am Ende aussieht, spielt keine Rolle, jeder macht sie anders, aber von eigener Hand muss sie stammen. Ebenso ein Stilbruch: ein bloss geschminktes Gesicht statt einer echten Larve. Der Sühudiumzug ist schliesslich kein Fasnachtsball, an dem man gesehen und erkannt werden will – im Gegenteil, die Leute sollen einen gerade nicht erkennen.

    Bemerkenswert ist die Kreativität der Sujets und ihre Aktualität. Viele Mottos entstehen im allerletzten Moment, manchmal erst am Sonntagabend oder Montagmorgen selbst. Man greift auf, was gerade eben passiert ist, ein Gerücht, ein Ärgernis, eine Schlagzeile der letzten Tage, und macht daraus im Handumdrehen ein Sujet. Nichts wird ein Jahr im Voraus geplant, alles bleibt bis zuletzt offen. Häufig schwingt dabei eine politische Note mit, gefühlte Missstände werden humorvoll und treffend aufs Korn genommen. So wird die Fasnacht zum Ventil für das, was das Dorf gerade bewegt.

    Das Sühudi lebt vom Necken und Spass-Treiben mit den Zuschauern am Strassenrand. Ziel ist, dass einen niemand erkennt: Man geht komplett in seiner Rolle auf, foppt, blödelt, unterhält und überrascht. Dazu gehört das „Breugen». man spricht mit hoher, verstellter Fistelstimme, damit die eigene Stimme einen nicht verrät. Die Larve bleibt unten bis man oben auf dem Klosterplatz ankommt, sonst wäre man gleich enttarnt. Diese Mischung aus Verstecken, Verstellen und ausgelassenem Spass macht den Umzug so archaisch-ausgelassen. Ganz im Sinn von „bodenerdenlustig»: direkt, ohne Ansprüche, einfach Freude am Moment.

    Und genau darin liegt der eigentliche Kern des Ganzen: Am Sühudiumzug steht der Doktor neben dem Handwerker, der Professor neben dem Studenten – in diesem Moment sind alle gleich, es zählt nur die Fasnacht und das Zusammensein. Auch das Alter spielt keine Rolle; ob jemand 80 ist oder erst 16, in der Gruppe verschwimmt das komplett, und genau diese Durchmischung der Generationen macht den Reiz aus. Der Umzug funktioniert vom Volk her: Jeder weiss, wann er bereit sein muss, ganz ohne Organisation von oben.

    Diese Gleichheit hat einen historischen Boden. Einsiedeln hatte nie eine eigentliche Aristokratie. Der Fürstabt hielt zwar die niedere Gerichtsbarkeit, doch ein Patriziat wie etwa im benachbarten Schwyz entwickelte sich nie. Dort ist die Gesellschaft bis heute spürbar von einem aristokratischen Standesbewusstsein geprägt; in Einsiedeln dagegen blieb die Bevölkerung seit jeher auf derselben Stufe. Genau das prägt bis heute das Urige auf der Strasse.

    An der Spitze des Zuges, hinter Tüfel und Fuhrmann, marschieren die Trichler, nun ebenfalls in echte Sühudi verwandelt. Ihr Ursprung liegt im Frühlings- und Fruchtbarkeitszauber: Mit Lärm und Schellen sollten einst böse Geister vertrieben und die vom Winter beherrschte Natur zu neuem Wachstum geweckt werden. Wie stark diese Kraft der Tradition tatsächlich ist, zeigte sich 2021, als der Umzug trotz Pandemie-Vorschriften stattfand, weil es schlicht keinen Veranstalter gab, den man hätte zur Absage verpflichten können.

    James Kälin (Klassendenken/Gleichheit) · Leilany Ochsner (Alter spielt keine Rolle, Interaktion mit Publikum, Erkennungsschutz) · Bruno Füchslin (Ablauf/Tradition, selbstgebastelte Larve als Pflicht) · Candid Knüsel (Volk ohne Organisation) · Meny Kälin & Tamara Broggi (Spontaneität der Sujets, Breugen) · Abt Urban (historische Hierarchielosigkeit Einsiedelns) · Kulturverein Chärnehus Schrift 31 (Beschreibung Sühudi-Kostüm/Requisiten)

  • Die Fasnachtslarve, die keine war

    Es gibt Geschichten, die man einfach zu gerne glauben möchte. Die vom Kantor Konrad von Buwenburg gehört für das Team von Bodenerdenlustig eindeutig dazu. Denn für eine kurze, glückliche Zeit waren wir überzeugt: Wir haben sie gefunden. Die älteste bekannte Erwähnung der Einsiedler Fasnacht. Datiert auf den 6. Januar 1314. Über 140 Jahre älter als alles, was bisher bekannt war.

    Zu schön, um wahr zu sein. Und, wie sich zeigen sollte: tatsächlich zu schön, um wahr zu sein.

    Der Überfall, der alles ins Rollen brachte

    Am 6. Januar 1314 stürmten die Schwyzer das Kloster Einsiedeln und verschleppten die Mönche nach Schwyz. Ein trauriges Kapitel Einsiedler Geschichte. Grenzstreit, Waffengewalt, Geiselnahme, welcher ein Jahr später, 1315 in der Schlacht am Morgarten gipfelte. Wenig Anlass zur Heiterkeit, könnte man meinen.

    Doch dann stiessen wir bei unserer Recherche auf ein Zitat aus dem Buch „Kloster und Kirche Unserer Lieben Frau“ des früheren Abtes Georg Holzherr. Auf Seite 23 schreibt er, das Schwyzer Volk habe sich über die verschleppten, aber „gutaussehenden“ Mönche lustig gemacht und ausgerechnet über den Kantor Konrad von Buwenburg gelacht, den man dort als „eine Fasnachtsmaske“ verspottet habe.

    Eine Fasnachtsmaske. Im Jahr 1314. In Zusammenhang mit einem Einsiedler Mönch. Wir konnten unser Glück kaum fassen.

    Kevin allein zu Haus, mittelalterliche Ausgabe

    Also machten wir uns daran, mehr über diesen Konrad von Buwenburg herauszufinden und stiessen dabei auf die eigentliche Pointe der Geschichte. Buwenburg war ein Adliger und der Kantor des Klosters, zuständig wie es der Name sagt, für den Gesang. Und er wurde beim Überfall gar nicht erst verschleppt. Zu alt, zu gebrechlich für den Marsch nach Schwyz, liessen ihn die Angreifer kurzerhand zurück.

    Ausgerechnet seine Schwäche rettete ihn vor der Entführung, während seine fitteren Mitbrüder sich frierend nach Schwyz schleppen mussten. Buwenburg hielt derweil ganz allein die Stellung im geplünderten Kloster, ob er sich in der plötzlichen Ruhe heimlich seinen Minneliedern widmete, verrät die Geschichte leider nicht.

    Was aber sofort klar wurde: Ein Mann, der gar nicht dabei war, kann auch nicht als Fasnachtsmaske verspottet, worden sein. Hier musste also etwas durcheinandergeraten sein.

    Die Auflösung steckte im Kleingedruckten

    Die Antwort fanden wir in einem deutlich älteren und genaueren Werk: „Geschichte des fürstlichen Benediktinerstiftes U.L.F. von Einsiedeln“ von Pater Odilo Ringholz aus dem Jahr 1904. Auf Seite 125 bestätigt Ringholz zwar Buwenburgs Rolle als Kantor und Dichter,  verschleppt wurde er aber nachweislich nicht.

    Auf Seite 174 wird es dann interessant. Dort beschreibt Ringholz, wie die gefangenen Mönche zu Fuss oder zu Pferd nach Schwyz gebracht wurden. Unter besonderer Beobachtung des johlenden Volkes. Der Kustos, der arme Mann sass in vollem Ordensgewand auf dem Pferd, kam mit seinen grossen Winterschuhen nicht in die Steigbügel und bot offenbar ein Bild fürs Gemüt der Schwyzer Bevölkerung. „Er sah gespensterhaft aus“, heisst es dort.

    Nicht Buwenburg also, sondern der Kustos war die eigentliche Zielscheibe des Spotts. Ringholz selbst stützt sich für diese Episode auf eine ältere Aufzeichnung von Rudolf von Radegg.

    Und dann kam noch das Lateinische dazwischen

    Ringholz zitiert in einer Fussnote auch die lateinische Originalquelle. Dort heisst es sinngemäss, das einfache Volk, Frauen und Kinder hätten den Kustos in seiner ungewohnten Aufmachung für ein larva gehalten und ihn deshalb verspottet.

    Und hier liegt der zweite Knoten in der Geschichte: Larva heisst im klassischen Latein in erster Linie nicht „Fasnachtsmaske“, sondern Gespenst, Totengeist, unheimliche Erscheinung. Dass ausgerechnet der Kustos so verspottet wurde, lag also vermutlich nicht daran, dass man in Schwyz noch nie einen Mönch gesehen hätte, Klosterleute waren dem Volk durchaus bekannt. Wahrscheinlicher ist schlicht, dass er in diesem Moment erschöpft, in klobigen Winterschuhen, unbeholfen auf dem Pferd hängend einfach schlecht oder furchterregend aussah und genau deshalb zur Zielscheibe des Spotts wurde. Erst in späteren Jahrhunderten wanderte das Wort larva dann auch in die Bedeutung „Maske“ im Sinne von Verkleidung.

    Mit anderen Worten: Aus einem Kustos, der auf dem Pferd eine unglückliche Figur machte und deshalb, als Gespenst verspottet wurde, wurde über Jahrhunderte der Abschriften und Nacherzählungen eine Fasnachtsmaske. Und in der Version, die Abt Holzherr in seinem Buch wiedergibt, wurde daraus schliesslich Konrad von Buwenburg als vermeintliche Hauptfigur der Szene, eine Zuschreibung, die sich bei genauerem Blick in die älteren Quellen so nicht halten lässt.

    Fazit: Zurück auf Feld eins – nach 1455

    So schön die Geschichte von 1314 auch gewesen wäre: Sie hält der Quellenkritik nicht stand. Die tatsächlich älteste bislang bekannte Erwähnung der Fasnacht im Zusammenhang mit Einsiedeln bleibt der Eintrag vom 22. Februar 1455, festgehalten im Schwyzer Geschichtskalender (Ausgabe 1929, Heft 12): An einem Dienstag vor der „Pfaffen Fasnacht“ vermittelt Abt Gerold von Sax in einem Weinzehnt-Streit zwischen Freienbach und Pfäffikon.

    Weniger dramatisch als ein Klosterüberfall, zugegeben. Aber immerhin echt.

    Und vielleicht passt gerade das gut zur Einsiedler Fasnacht: Man denkt, man habe die eine grosse Wahrheit gefunden und stellt beim genaueren Hinschauen fest, dass die Geschichte, wie so oft im Dorf, ein bisschen komplizierter, ein bisschen menschlicher und am Ende doch viel unterhaltsamer ist als die erste Version.

    Georg Holzherr, „Kloster und Kirche Unserer Lieben Frau“, S. 23; P. Odilo Ringholz, „Geschichte des fürstlichen Benediktinerstiftes U.L.F. von Einsiedeln“, S. 125 und S. 174 (inkl. lateinischer Originalquelle); Schwyzerischer Geschichtskalender, 1929, Heft 12.

  • bodenerstenlustig – die Einsiedler und ihre Fasnacht

    Ein weit verbreiteter Irrtum

    Die Fasnacht ist kein uralter germanischer Brauch. Sie geht nicht auf heidnische Frühlingsrituale zurück, auch nicht auf die römischen Saturnalien. So tief verwurzelt diese Vorstellung im Volksmund ist – die Forschung hat sie widerlegt. Die ältesten gesicherten Zeugnisse stammen erst aus dem Spätmittelalter. Für die Schweiz gibt es einen ersten Wortbeleg aus dem Jahr 1283. Als greifbares Ereignis taucht die Fasnacht erst gegen Ende des 14. Jahrhunderts auf – in Basel zum Beispiel 1418.

    Was die Fasnacht dagegen zweifelsfrei ist: ein Kind der christlichen Fastenzeit. Das Wort «Fasnacht» bedeutet die Nacht vor dem Fasten – die Vigil vor der 40-tägigen Enthaltsamkeit. Und das Wort Karneval stammt vom lateinischen «carne(m) levare»: das Fleisch wegräumen. Ohne Fastenzeit keine Fasnacht. 

    Verbote – und warum die Reformierten keine Fasnacht haben

    Schon im 15. Jahrhundert versuchten Obrigkeiten, das Maskenlaufen einzudämmen. Sie fürchteten den subversiven Charakter der Fasnacht: die Umkehrung von Ordnung und Hierarchie, den Deckmantel der Maske. Die Reformatoren verboten die Fasnacht schliesslich gänzlich als «papistisches Treiben» – und da die Fastenzeit im protestantischen Kalender wegfiel, fiel damit auch ihr Gegengewicht weg. Bis heute gilt: Wo die Reformation gewann, blieb die Fasnacht meistens aus. In Einsiedeln, im Herzen der Innerschweiz, hat sie sich gehalten – ungebrochen und lebendig.

    Die Einsiedler Fasnacht: drei Schichten, ein Volksfest

    Der Volkskundler Martin Gyr hat die Einsiedler Fasnacht präzise charakterisiert: Sie ist «bodenerdenlustig» – ein wahres Volksfest, an dem reich und arm einträchtig mitfesten. Und in ihrer Struktur lassen sich drei Schichten erkennen: die des uralten Naturmythos, die Barocke und die Moderne. Alle drei sind heute noch spürbar.

    Die Fasnacht beginnt in der Dreikönigsnacht: Nach dem Glockenläuten des Klosters um 20:00h ertönt das rhythmisch-monotone Treicheln der «Buurätreichler» zusammen mit dem «Geisslächlepfä» und dem etwas schnellere Treicheln der «Füdlitrichler» durch das Dorf – das Eintreicheln. Es ist ein Aufbruch aus dem Dunkel heraus, der fliessende Übergang von der Weihnachtszeit in die fünfte Jahreszeit der Fasnacht. Wer schlafen will, dreht sich kurz um und murmelt: «Aha, sie läuten die Fasnacht ein.»

    Der Fahrplan der Hochphase

    Die drei Haupttage – Schmutziger Donnerstag, Güdelmontag und Fasnachtsdienstag – folgen einem ungeschriebenen, aber fest verankerten Rhythmus. Die Vomittage am Donnerstag und Montag gehören den Teufeln und den Sühudi: grotesken, wild zusammengewürfelten Gestalten, die intrigieren, lärmen und das Dorf auf den Kopf stellen. Niemand organisiert sie. Sie erscheinen einfach.

    Die Nachmittage gehören den Umzügen. Am Donnerstag der Kinderumzug mit hunderten kleiner Mäschgli meist im Verbund unterwegs, am Montag der grosse Wagenumzug auch mit auswärtigen Gruppen und Guggenmusiken und am Fasnachtsdienstag dem Brotauswerfen: Johee, Mummerie und Hörelibajass steigen auf Bretterbühnen und werfen Mütschli in die wartende Menge. «Mir eis, mir eis!» rufen Hunderte. Die Abende und Nächte gehören den Masken – es gibt keine geschlossenen Bälle, man besucht die Restaurants und Beizli nach Belieben oder feiert auf der Strasse. Am Schmutzigen Donnerstag ziehen die Schnitzelbänkler durch die Restaurants und halten dem Dorf den Spiegel vor.

    Den Abschluss bildet das Pagatverbrennen am Dienstagabend: Auf der Hauptstrasse vor dem Kloster wird eine Strohpuppe verbrannt, begleitet von Trichlern, weinenden Hudi und der Fasnachtszyschtig-Musik. Mit dem Feuer endet – offiziell – die fünfte Jahreszeit und mit dem 12. Glockenschlag zu Mitternacht von der grossen Glocke im Kloster beginnt die Fastenzeit. 

    Was Einsiedeln von anderen unterscheidet

    Die meisten Masken und Bräuche, die heute als «uralt» gelten, sind historisch jünger als gedacht: Die typischen Lokalgestalten des Kantons Schwyz entstanden grösstenteils im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Das Brotauswerfen dürfte ins späte 17. Jahrhundert oder frühe 18. Jahrhundert zurück gehen. 

    Die Einsiedler waren jahrhundertelang Untertanen des Klosters. Der Abt bis zur Französischen Revolution Fürst-Abt, weltliche wie geistliche Macht in einer Hand. Eine eigene Aristokratie hat es nie gegeben. Kein Adel, keine Herren, keine Familien, die über anderen standen. Linus Birchler hat das auf den Punkt gebracht: Das Fehlen jeder Form von Aristokratie machte das Gleichheitsgefühl aller zu etwas Selbstverständlichem.

    Dieses Gefühl ist nirgends greifbarer als an der Fasnacht. Am Güdelmontag sitzen die Sühudi nach dem Umzug in den Restaurants, die Larven hochgeschoben, ein Getränk auf dem Tisch und reden miteinander. Maurer, Hochschulprofessoren, Lehrlinge, Doktoren, Bauern, Studenten, Bankdirektoren, einfache Büezer. Für diesen einen Tag gilt keiner dieser Titel etwas. Die Fasnacht schafft, was der Alltag selten schafft: echte Schwerelosigkeit zwischen Menschen, die sich sonst auf verschiedenen Etagen begegnen.

    Was Einsiedeln zusätzlich unterscheidet, ist nicht das Alter der Bräuche, sondern auch ihre Dichte: das Eintreicheln in der Dreikönigsnacht, der Sühudiumzug ohne Organisator, das Brotauswerfen mit seinen einzigartigen Figuren, das Pagatverbrennen vor dem Kloster, alles eingebettet in ein Dorf, das seit bald 1100 Jahren im Rhythmus seines Klosters lebt.

    Die Einsiedler Fasnacht ist nicht trotz des Klosters so lebendig — sie ist es wegen ihm.

    Paul Hugger, «Fasnacht / Karneval», Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), 2005
    Martin Gyr, Einsiedler Volksbräuche – Fasnacht (S. 30–44)
    Schwyzer Maskenlandschaft, Kulturverein Chärnehus Einsiedeln, Schriften Nr. 31
    Interview mit Abt Urban Federer, Kloster Einsiedeln (Bodenerdenlustig, April 2026)

  • Ein Foto, zwei Protagonisten

    Der perfekte Klick: Ein Foto, zwei Protagonisten und das Geheimnis hinter der Larve

    Einsiedeln, Dienstag, 4. März 2003. Ein Nachmittag, der die Zeit stillstehen liess – nicht nur auf dem Filmstreifen, sondern auch in der Geschichte zweier Männer, die damals noch nicht ahnten, dass sie zwanzig Jahre später gemeinsam Filmgeschichte schreiben würden.

    Stellen wir uns kurz die Welt von 2003 vor. Smartphones waren noch reine Science-Fiction, Mark Zuckerberg bastelte vielleicht gerade an einer Vorform von Facebook in seinem Wohnheimzimmer, und das Wort «Influencer» war höchstens eine medizinische Diagnose für jemanden mit einer besonders hartnäckigen Grippe. In Einsiedeln herrschte jedoch derselbe Ausnahmezustand wie seit Jahrhunderten: Es war Fasnachtsdienstag.

    Der Tanz auf dem Kopfsteinpflaster

    Die Brotauswerfer des Turnvereins Einsiedeln waren in ihrem Element. Von der Bühne flogen die «Mütschli» (Brote) in die gierige, wogende Menge, die aus tausenden Kehlen den legendären Ruf anstimmte: «Mir eis! – Mir eis!» Ein geordnetes Chaos, eine Ekstase aus Lärm, Tradition und Adrenalin. Nach dem Spektakel zog die Brotauswerfer Gruppe im tänzelnden Schritt die Hauptstrasse hinunter – Ziel: ein lokales Restaurant für eine kurze, wohlverdiente Erfrischung.

    Mitten in diesem bunten Treiben stand Franz Kälin. In seinen Händen hielt er kein Spielzeug, sondern eine Legende der Fotogeschichte: eine Pentax 67. Diese Mittelformatkamera ist unter Fotografen als «das Biest» bekannt – schwer, laut und unerbittlich präzise. Bestückt mit einem 105mm 1:2,4 Objektiv und einem frischen Kodak Supra 100 Film (120er Rollfilm).

    Für alle, die im digitalen Zeitalter aufgewachsen sind: Franz hatte genau zehn Versuche. Zehn Bilder pro Rolle. Ein Negativ von 6×7 Zentimetern, das Details einfängt, von denen heutige Handykameras nur träumen können. Es war ein Setup für Meisterwerke, bei dem jeder Handgriff sitzen musste.

    Das Bild das zum Kult wurde

    Franz postierte sich mutig auf dem Kopfsteinpflaster, im direkten Kollisionskurs mit den anrückenden Brotauswerfern. Dann geschah es: Ein Fingerdruck. Ein trockenes, sattes Klicken für den Bruchteil von 1/500 Sekunde. Das Bild war im Kasten.

    Das Ergebnis ist heute in der Fasnachtsszene längst Kult. Es zeigt einen «Johee» in voller Pracht: mit federndem Schritt, den Finger direkt auf die Linse gerichtet, fast so, als wollte er den Fotografen (und uns Zuschauer) direkt ermahnen oder herausfordern. Während die Gruppe im Hintergrund zu einem impressionistischen Meer aus Farben verschwimmt, ist der Johee messerscharf eingefroren. Ein Volltreffer auf Zelluloid. Ein Moment für die Ewigkeit.

    Das Geheimnis unter der Larfe

    Was Franz in jenem Augenblick – und für die nächsten zwei Jahrzehnte – nicht wusste: Das Schicksal hat manchmal einen Humor, den kein Drehbuchautor besser hätte erfinden können.

    Hinter der schweren, hölzernen Johee-Larve schwitzte an diesem Nachmittag ein junger Mann namens Roland Ochsner. Während Franz durch den Sucher seiner Pentax blickte, schaute Roland durch die schmalen Sehschlitze der Maske direkt in die Linse. Zwei kreative Geister begegneten sich, ohne sich zu erkennen.

    Bodenerdenlustig: Wenn Kreise sich schliessen

    Heute, über zwanzig Jahre später, sind die beiden keine Unbekannten mehr. Sie sind Partner. Gemeinsam arbeiten sie an einem grossen Dokumentarfilmprojekt über genau diese Tradition, die sie damals so instinktiv festhielten.

    «Bodenehrenlustig – Die Einsiedler und ihre Fasnacht» heisst das Werk. Es ist mehr als nur ein Film; es ist die Aufarbeitung einer tief verwurzelten Leidenschaft. Wenn man das Foto von 2003 heute betrachtet, sieht man nicht mehr nur einen anonymen Maskenträger und eine technische Meisterleistung. Man sieht den Keim eines Projekts, das die Essenz der Einsiedler Fasnacht einfängt: Die Verbindung zwischen dem, was man sieht (die Fotografie von Franz), und dem, was man fühlt (das Erleben von Roland unter der Maske).

    Manchmal braucht es eben zwanzig Jahre bis ein Bild seine ganze Geschichte erzählt.

    Hinter der Kamera Franz Kälin – Hinter der Maske Roland Ochsner

    Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist Bild-15.01.26-um-07.11.jpg

    Pentax 67 «das Biest» die von Franz  verwendete Kamera

    

  • Stockacher Narrengericht

    Vom Vorgarten nach Stockach: Wenn ein weisser Narr Geschichte schreibt:

    Eine faszinierende Verbindung zwischen Einsiedler Kloster, Schwyzer Schlacht und schwäbischem Narrengericht

    Die Geschichte des Hohen Grobgünstigen Narrengerichts zu Stockach ist wie ein faszinierender Faden, der Einsiedeln mit der grossen europäischen Narrentradition verwebt. Es beginnt mit einem dramatischen Kapitel der Schweizer Geschichte.

    Der Überfall, der alles veränderte

    Im Jahr 1314 überfielen die Schwyzer das Kloster Einsiedeln – ein Ereignis, das weitreichende Folgen haben sollte. Herzog Leopold I. von Habsburg, als Schutzherr des Klosters, konnte diese Provokation nicht unbeantwortet lassen. Mit einem mächtigen Heerhaufen aus dem Aargau und Thurgau zog er gegen die unbotmässigen Schwyzer.

    Die Schlacht am Morgarten – Geburtsstunde einer Narrenlegende

    Was dann am 15. November 1315 am Ägerisee geschah, wurde zur Legende: Die zahlenmässig unterlegenen Schwyzer besiegten das habsburgische Heer vernichtend. Doch was hat diese Schlacht mit dem fernen Stockach am Bodensee zu tun?

    Vor der Schlacht hatte Herzog Leopold seinen Hofnarren Kuony von Stocken um Rat gefragt. Dessen weise Warnung, man solle lieber darüber nachdenken, wie man aus der gefährlichen Gegend heil wieder herauskomme, wurde hochmütig in den Wind geschlagen. Die Geschichte gab dem Narren recht – Leopold verlor die Schlacht.

    Das Privileg des weisen Narren

    Als Anerkennung für seinen klugen, wenn auch ignorierten Ratschlag, durfte Kuony einen Wunsch äussern. Seine Bitte war ungewöhnlich: In seiner Heimatstadt Stockach sollten die Einwohner einmal jährlich, zwischen Lichtmess und Laetare, Gericht halten dürfen. Herzog Albrecht II., der Bruder des gefallenen Leopold, erfüllte 1351 diesen Wunsch mit einem offiziellen Privileg.

    Ein lebendiger Brauch durch die Jahrhunderte

    Was als mittelalterliches Narrenrecht begann – das schonungslose Anprangern menschlicher Schwächen und Torheiten – hat sich bis heute erhalten. Im Stockacher Narrengericht wurden einst alle närrischen Streiche des Jahres gesammelt und ohne Rücksicht auf Stand und Person öffentlich verhandelt. Die Betroffenen wurden dem Spott der Umstehenden preisgegeben, was nicht immer zur Freude der Obrigkeit geschah.

    Die Verbindung zur Einsiedler Fasnacht

    Diese Geschichte zeigt eindrücklich, wie eng die Fasnachtstraditionen Europas miteinander verwoben sind. Der Überfall auf das Kloster Einsiedeln löste eine Kette von Ereignissen aus, die zur Entstehung eines der ältesten Narrengerichte führte.

    «Bodenerdenlustig – die Einsiedler und ihre Fasnacht» beleuchtet diese und weitere faszinierende Geschichten rund um eine der lebendigsten Fasnachtstraditionen der Schweiz. Ein Dokumentarfilm der einen Blick hinter die Masken wirft.»

  • «bodenerdenlustig» – ein komisches Wort?

    Der Ausdruck «bodenerdenlustig» stammt nicht von uns, sondern wird im Buch Einsiedler Volksbräuche von Martin Gyr (1935) erwähnt, in welchem Gyr die Einsiedler Fasnacht so beschreibt. Gyr verweist zudem darauf, dass Meinrad Lienert die Fasnacht oft besungen und geschildert habe, als ein wahres Volksfest, das alle Schichten erfasst und bei dem Arm und Reich gemeinsam feiern. Auch Dr. Linus Birchler schreibt 1933 in der Neuen Schweizer Rundschau, dass die Einsiedler einst Untertanen des Stiftes und später der Schwyzer waren. Das Fehlen einer Aristokratie habe ein starkes Gleichheitsgefühl entstehen lassen, ein Aspekt, den viele unserer Interviewpartner bei der Erstellung des Dokumentarfilmes als Besonderheit der Einsiedler Fasnacht hervorgehoben haben.Aus diesen Gründen finden wir den Ausdruck «bodenerdenlustig» passend, um die Einsiedler Fasnacht zu beschreiben. Sie ist authentisch, volksnah, ursprünglich und ungekünstelt. Tief in der lokalen Tradition verwurzelt, archaisch, lebendig und erdverbunden. Die Fasnacht ist nicht elitär oder hochgestochen, sondern ein echtes Volksfest, welches alle Schichten der Bevölkerung vereint. 

  • Behind the scenes

    Franz Kälin am filmen.