Vom Bankrott zum Brauch:

Wenn am Fasnachtsdienstag Johee, Mummerie und Hörelibajass auf die Bretterbühnen steigen und Hunderte von Mütschli in die wartende Menge werfen, erlebt Einsiedeln einen seiner intensivsten Fasnachtsmomente. Rund zwei Tonnen Brot, etwa 8’000 Laibe zu je 250 Gramm,  fliegen an diesem Nachmittag durch die Luft. Was heute wie ein fröhliches Ritual der Grosszügigkeit wirkt, hat einen deutlich schwermütigeren Ursprung.

Die Welschlandfahrten

Im 16. und 17. Jahrhundert erlebte die Innerschweiz eine Blütezeit der Viehwirtschaft. Weil das Winterfutter knapp war, trieben Einsiedler und Schwyzer Bauern, die sogenannten Senntnenbauern, ihre Viehherden über den Gotthard nach Oberitalien, um sie dort zu verkaufen. Diese „Welschlandfahrten» waren riskante Unternehmungen: Wer Glück hatte, kehrte mit vollen Taschen heim. Wer Pech hatte, durch Seuchen, Überfälle, frühzeitigen Wintereinbruch, einen schlechten Markt oder schlechte Karten oder Würfel beim Glücksspiel, verlor Hab und Gut und kam mittellos zurück.

Die mündliche Überlieferung datiert den Brauch des Brotauswerfens, welcher auf diese Welschlandfarten zurückgeht,  bis ins 17. Jahrhundert zurück; schriftlich fassbar ist er allerdings erst ab dem frühen 19. Jahrhundert.

Die Legende von Johee, Mummerie und Hörelibajass

Die Geschichte erzählt von Vieh- und Pferdehändlern, die verarmt aus dem Welschland heimkehren und ihre Schmach nicht eingestehen wollen. Um den Schein zu wahren, geben sie sich betont grosszügig: Mit ihren letzten Reserven kaufen sie Brot und werfen es der wartenden Dorfbevölkerung zu, als wären sie reiche Wohltäter. Das Volk aber durchschaut die Täuschung und dieser Spott steht mit auf der Bühne: als Hörelibajass, der die beiden Angeber mit seinen Sprüngen und Fingerzeigen blossstellt und so zur dritten festen Figur des Rituals wird.

Der Volkskundler Linus Birchler brachte es so auf den Punkt: Der Johee trägt die Kuhglocke selbst um den Leib und den Reisigbesen in der Hand, weil er kein Vieh mehr besitzt, der Mummerie hat das Pferdegeschirr umgehängt und trägt einen Pferdeschweif in der Hand, weil ihm die Pferde abhandengekommen sind. Beide spielen mit den Insignien eines Reichtums, den sie längst verloren haben.

Vom Pfauenwirt zum Turnverein

Der Brauch ist deutlich älter als sein heutiger Träger. Lange bevor der Turnverein ihn übernahm, gehörten Garderobe, Larven und Requisiten dem Pfauenwirt Martin Gyr und später seinen Nachfolgern Karl Gyr-Tanner und Karl Gyr-Kälin, deren Familien für den Unterhalt sorgten. Ein Kreis befreundeter Herren, darunter Behördenmitglieder und Offiziere, veranstaltete jeweils am Fastnachtsmontag eine Volksvorstellung, sammelte in wohltätigen Familien Geld und kaufte am Dienstag das Brot zum Auswerfen. Erst um 1903 übergab Pfauenwirt Karl Gyr-Kälin die Garderobe und einige alte Larven dem Turnverein Einsiedeln, der sich damit verpflichtete, den Brauch weiterzuführen. Eine Aufgabe, welche der Turnverein STV Einsiedeln seit der Fasnacht 1904 mit Stolz, Freude, Gewissenhaftigkeit  und viel Engagement durchführt. 

Vom Spott zur Wohltätigkeit

Interessant ist, wie sich die Bedeutung des Brauchs im Lauf der Jahrhunderte verschoben hat. Im 17. und 18. Jahrhundert, geprägt von wiederkehrender Armut, erhielt das Brotauswerfen eine zusätzliche, sehr reale Funktion: die Speisung der Bedürftigen. Rund um die Bretterbühnen versammelten sich, wie es eine Quelle von 1933 festhält, Hunderte Männer, Frauen und Kinder, streckten die Hände empor und riefen „Mir eis, mir eis!» Aus einer Verspottung wohlstandsheuchelnder Heimkehrer wurde so auch ein Akt der Solidarität, bei dem tatsächlich niemand leer ausging.

Bis heute trägt der Brauch beide Schichten in sich: die ironische Erinnerung an verlorenes Glück und geplatzte Träume und die grosszügige Geste des Teilens, die der Einsiedler Fasnacht bis heute ihren ganz eigenen, bodenerdenlustigen Charakter gibt.

Linus Birchler, in: Volksbräuche, Heft 1933/28
Kulturverein Chärnehus Einsiedeln, Schriften Nr. 31: Fasnacht im alten Einsiedeln
Fasnachtsgesellschaft Bürgerwehr Einsiedeln, stv-einsiedeln.ch – „Brotauswerfen: Geschichte und Hintergrund» sowie „Brotauswerfen: Figuren»
Martin Gyr, Einsiedler Volksbräuche – Fasnacht
René Oechslin, Interview für den Dokumentarfilm „Bodenerdenlustig» (2026)

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