Die Fasnachtslarve, die keine war

Es gibt Geschichten, die man einfach zu gerne glauben möchte. Die vom Kantor Konrad von Buwenburg gehört für das Team von Bodenerdenlustig eindeutig dazu. Denn für eine kurze, glückliche Zeit waren wir überzeugt: Wir haben sie gefunden. Die älteste bekannte Erwähnung der Einsiedler Fasnacht. Datiert auf den 6. Januar 1314. Über 140 Jahre älter als alles, was bisher bekannt war.

Zu schön, um wahr zu sein. Und, wie sich zeigen sollte: tatsächlich zu schön, um wahr zu sein.

Der Überfall, der alles ins Rollen brachte

Am 6. Januar 1314 stürmten die Schwyzer das Kloster Einsiedeln und verschleppten die Mönche nach Schwyz. Ein trauriges Kapitel Einsiedler Geschichte. Grenzstreit, Waffengewalt, Geiselnahme, welcher ein Jahr später, 1315 in der Schlacht am Morgarten gipfelte. Wenig Anlass zur Heiterkeit, könnte man meinen.

Doch dann stiessen wir bei unserer Recherche auf ein Zitat aus dem Buch „Kloster und Kirche Unserer Lieben Frau“ des früheren Abtes Georg Holzherr. Auf Seite 23 schreibt er, das Schwyzer Volk habe sich über die verschleppten, aber „gutaussehenden“ Mönche lustig gemacht und ausgerechnet über den Kantor Konrad von Buwenburg gelacht, den man dort als „eine Fasnachtsmaske“ verspottet habe.

Eine Fasnachtsmaske. Im Jahr 1314. In Zusammenhang mit einem Einsiedler Mönch. Wir konnten unser Glück kaum fassen.

Kevin allein zu Haus, mittelalterliche Ausgabe

Also machten wir uns daran, mehr über diesen Konrad von Buwenburg herauszufinden und stiessen dabei auf die eigentliche Pointe der Geschichte. Buwenburg war ein Adliger und der Kantor des Klosters, zuständig wie es der Name sagt, für den Gesang. Und er wurde beim Überfall gar nicht erst verschleppt. Zu alt, zu gebrechlich für den Marsch nach Schwyz, liessen ihn die Angreifer kurzerhand zurück.

Ausgerechnet seine Schwäche rettete ihn vor der Entführung, während seine fitteren Mitbrüder sich frierend nach Schwyz schleppen mussten. Buwenburg hielt derweil ganz allein die Stellung im geplünderten Kloster, ob er sich in der plötzlichen Ruhe heimlich seinen Minneliedern widmete, verrät die Geschichte leider nicht.

Was aber sofort klar wurde: Ein Mann, der gar nicht dabei war, kann auch nicht als Fasnachtsmaske verspottet, worden sein. Hier musste also etwas durcheinandergeraten sein.

Die Auflösung steckte im Kleingedruckten

Die Antwort fanden wir in einem deutlich älteren und genaueren Werk: „Geschichte des fürstlichen Benediktinerstiftes U.L.F. von Einsiedeln“ von Pater Odilo Ringholz aus dem Jahr 1904. Auf Seite 125 bestätigt Ringholz zwar Buwenburgs Rolle als Kantor und Dichter,  verschleppt wurde er aber nachweislich nicht.

Auf Seite 174 wird es dann interessant. Dort beschreibt Ringholz, wie die gefangenen Mönche zu Fuss oder zu Pferd nach Schwyz gebracht wurden. Unter besonderer Beobachtung des johlenden Volkes. Der Kustos, der arme Mann sass in vollem Ordensgewand auf dem Pferd, kam mit seinen grossen Winterschuhen nicht in die Steigbügel und bot offenbar ein Bild fürs Gemüt der Schwyzer Bevölkerung. „Er sah gespensterhaft aus“, heisst es dort.

Nicht Buwenburg also, sondern der Kustos war die eigentliche Zielscheibe des Spotts. Ringholz selbst stützt sich für diese Episode auf eine ältere Aufzeichnung von Rudolf von Radegg.

Und dann kam noch das Lateinische dazwischen

Ringholz zitiert in einer Fussnote auch die lateinische Originalquelle. Dort heisst es sinngemäss, das einfache Volk, Frauen und Kinder hätten den Kustos in seiner ungewohnten Aufmachung für ein larva gehalten und ihn deshalb verspottet.

Und hier liegt der zweite Knoten in der Geschichte: Larva heisst im klassischen Latein in erster Linie nicht „Fasnachtsmaske“, sondern Gespenst, Totengeist, unheimliche Erscheinung. Dass ausgerechnet der Kustos so verspottet wurde, lag also vermutlich nicht daran, dass man in Schwyz noch nie einen Mönch gesehen hätte, Klosterleute waren dem Volk durchaus bekannt. Wahrscheinlicher ist schlicht, dass er in diesem Moment erschöpft, in klobigen Winterschuhen, unbeholfen auf dem Pferd hängend einfach schlecht oder furchterregend aussah und genau deshalb zur Zielscheibe des Spotts wurde. Erst in späteren Jahrhunderten wanderte das Wort larva dann auch in die Bedeutung „Maske“ im Sinne von Verkleidung.

Mit anderen Worten: Aus einem Kustos, der auf dem Pferd eine unglückliche Figur machte und deshalb, als Gespenst verspottet wurde, wurde über Jahrhunderte der Abschriften und Nacherzählungen eine Fasnachtsmaske. Und in der Version, die Abt Holzherr in seinem Buch wiedergibt, wurde daraus schliesslich Konrad von Buwenburg als vermeintliche Hauptfigur der Szene, eine Zuschreibung, die sich bei genauerem Blick in die älteren Quellen so nicht halten lässt.

Fazit: Zurück auf Feld eins – nach 1455

So schön die Geschichte von 1314 auch gewesen wäre: Sie hält der Quellenkritik nicht stand. Die tatsächlich älteste bislang bekannte Erwähnung der Fasnacht im Zusammenhang mit Einsiedeln bleibt der Eintrag vom 22. Februar 1455, festgehalten im Schwyzer Geschichtskalender (Ausgabe 1929, Heft 12): An einem Dienstag vor der „Pfaffen Fasnacht“ vermittelt Abt Gerold von Sax in einem Weinzehnt-Streit zwischen Freienbach und Pfäffikon.

Weniger dramatisch als ein Klosterüberfall, zugegeben. Aber immerhin echt.

Und vielleicht passt gerade das gut zur Einsiedler Fasnacht: Man denkt, man habe die eine grosse Wahrheit gefunden und stellt beim genaueren Hinschauen fest, dass die Geschichte, wie so oft im Dorf, ein bisschen komplizierter, ein bisschen menschlicher und am Ende doch viel unterhaltsamer ist als die erste Version.

Georg Holzherr, „Kloster und Kirche Unserer Lieben Frau“, S. 23; P. Odilo Ringholz, „Geschichte des fürstlichen Benediktinerstiftes U.L.F. von Einsiedeln“, S. 125 und S. 174 (inkl. lateinischer Originalquelle); Schwyzerischer Geschichtskalender, 1929, Heft 12.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert