Der Sühudiumzug

Der Umzug findet am Güdelmontag statt und ist ein durch und durch unorganisiertes Phänomen: kein Veranstalter, keine Anmeldelisten, keine offiziellen Routenpläne. Die einzige Regel ist ungeschriebenes Gewohnheitsrecht: Abmarsch um 9 Uhr vom Dorfplatz, und „dr Leittüüfel seit wo durä», der Leitteufel gibt die Richtung vor. Kurz davor ist noch kein Bein auf dem Platz zu sehen, dann, wie auf ein unsichtbares Zeichen, strömen alle aus ihren Löchern, ohne dass jemand pfeift oder trommelt. Es ist einfach die Tradition, die von selbst funktioniert.

Ein „Sühudi» sucht sich seine Garderobe bewusst grotesk zusammen: alter Kleiderplunder, ausgediente Militärsachen, Körbe, Schirme, je bunter und übertriebener, desto besser. Unter Kostüm und Larve kann jeder stecken, der Doktor genauso wie der Handwerker. Jeder hat Utensilien dabei, Teppichklopfer, Putzwedel, alte Pfannen, Schnittmuster, ein Fläschchen Schnaps und eine Schweinsblase zum Auf-den-Boden-Schlagen gehören ebenso dazu wie allerlei Kuriositäten, ein altes Radio, ein Zählrahmen, Utensilien aus einer Apotheke, Stoffreste. Man zieht bewusst an, was nicht zusammenpasst. Unverzichtbar ist dabei die selbstgebastelte Larve; gekaufte Ware, etwa fabrizierte Gummimasken, gilt als Stilbruch. Wie sie am Ende aussieht, spielt keine Rolle, jeder macht sie anders, aber von eigener Hand muss sie stammen. Ebenso ein Stilbruch: ein bloss geschminktes Gesicht statt einer echten Larve. Der Sühudiumzug ist schliesslich kein Fasnachtsball, an dem man gesehen und erkannt werden will – im Gegenteil, die Leute sollen einen gerade nicht erkennen.

Bemerkenswert ist die Kreativität der Sujets und ihre Aktualität. Viele Mottos entstehen im allerletzten Moment, manchmal erst am Sonntagabend oder Montagmorgen selbst. Man greift auf, was gerade eben passiert ist, ein Gerücht, ein Ärgernis, eine Schlagzeile der letzten Tage, und macht daraus im Handumdrehen ein Sujet. Nichts wird ein Jahr im Voraus geplant, alles bleibt bis zuletzt offen. Häufig schwingt dabei eine politische Note mit, gefühlte Missstände werden humorvoll und treffend aufs Korn genommen. So wird die Fasnacht zum Ventil für das, was das Dorf gerade bewegt.

Das Sühudi lebt vom Necken und Spass-Treiben mit den Zuschauern am Strassenrand. Ziel ist, dass einen niemand erkennt: Man geht komplett in seiner Rolle auf, foppt, blödelt, unterhält und überrascht. Dazu gehört das „Breugen». man spricht mit hoher, verstellter Fistelstimme, damit die eigene Stimme einen nicht verrät. Die Larve bleibt unten bis man oben auf dem Klosterplatz ankommt, sonst wäre man gleich enttarnt. Diese Mischung aus Verstecken, Verstellen und ausgelassenem Spass macht den Umzug so archaisch-ausgelassen. Ganz im Sinn von „bodenerdenlustig»: direkt, ohne Ansprüche, einfach Freude am Moment.

Und genau darin liegt der eigentliche Kern des Ganzen: Am Sühudiumzug steht der Doktor neben dem Handwerker, der Professor neben dem Studenten – in diesem Moment sind alle gleich, es zählt nur die Fasnacht und das Zusammensein. Auch das Alter spielt keine Rolle; ob jemand 80 ist oder erst 16, in der Gruppe verschwimmt das komplett, und genau diese Durchmischung der Generationen macht den Reiz aus. Der Umzug funktioniert vom Volk her: Jeder weiss, wann er bereit sein muss, ganz ohne Organisation von oben.

Diese Gleichheit hat einen historischen Boden. Einsiedeln hatte nie eine eigentliche Aristokratie. Der Fürstabt hielt zwar die niedere Gerichtsbarkeit, doch ein Patriziat wie etwa im benachbarten Schwyz entwickelte sich nie. Dort ist die Gesellschaft bis heute spürbar von einem aristokratischen Standesbewusstsein geprägt; in Einsiedeln dagegen blieb die Bevölkerung seit jeher auf derselben Stufe. Genau das prägt bis heute das Urige auf der Strasse.

An der Spitze des Zuges, hinter Tüfel und Fuhrmann, marschieren die Trichler, nun ebenfalls in echte Sühudi verwandelt. Ihr Ursprung liegt im Frühlings- und Fruchtbarkeitszauber: Mit Lärm und Schellen sollten einst böse Geister vertrieben und die vom Winter beherrschte Natur zu neuem Wachstum geweckt werden. Wie stark diese Kraft der Tradition tatsächlich ist, zeigte sich 2021, als der Umzug trotz Pandemie-Vorschriften stattfand, weil es schlicht keinen Veranstalter gab, den man hätte zur Absage verpflichten können.

James Kälin (Klassendenken/Gleichheit) · Leilany Ochsner (Alter spielt keine Rolle, Interaktion mit Publikum, Erkennungsschutz) · Bruno Füchslin (Ablauf/Tradition, selbstgebastelte Larve als Pflicht) · Candid Knüsel (Volk ohne Organisation) · Meny Kälin & Tamara Broggi (Spontaneität der Sujets, Breugen) · Abt Urban (historische Hierarchielosigkeit Einsiedelns) · Kulturverein Chärnehus Schrift 31 (Beschreibung Sühudi-Kostüm/Requisiten)

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