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Sonnentau – ros solis
Reisläufer
Rosoli
Johle & Mummerie um 1930

Was Mummerien und Joheen über die Alpen brachten: Die Geschichte des Rosoli

Wer an der Einsiedler Fasnacht durch die kalten Gassen zieht, kennt das: Irgendwo taucht eine Glasflasche auf, jemand schenkt ein, und plötzlich wird es innen warm. Dunkelrot, süss, sämig, mit einem Hauch von Kirschen und Zimt. Rosoli gehört zur Fasnacht wie die Larve zum Gesicht. Ur-einsiedlerisch, möchte man meinen. Doch dieser Likör hat eine Vergangenheit, die weit über den Sihlsee hinausreicht. Sie führt in ein Moor, zu den Alchemisten, an italienische Fürstenhöfe und über die Alpenpässe zurück ins Klosterdorf.

Ein Name mit Biss

Rosoli kommt nicht von der Rose, auch wenn die Farbe das vermuten lässt. Der Name stammt vom lateinischen «ros solis», Tau der Sonne. So nannte man früher den Rundblättrigen Sonnentau, ein unscheinbares Pflänzchen aus dem Moor, wie es auch in den Hochmooren rund um Einsiedeln wächst. Harmlos ist es allerdings nicht: Der Sonnentau ist fleischfressend. Seine Blätter tragen rote Härchen mit klebrigen Tröpfchen, die in der Sonne glitzern wie Morgentau. Setzt sich eine Mücke darauf, bleibt sie kleben, und die Pflanze verdaut sie in aller Ruhe.

Die Gelehrten des Mittelalters waren hingerissen. Tautropfen, die selbst in der prallen Sonne nicht verdunsten? Da musste etwas Magisches dahinterstecken. Alchemisten versuchten im 13. Jahrhundert, daraus Gold oder gleich ein Lebenselixier zu gewinnen. Das mit dem Gold klappte bekanntlich nicht. Dafür landete der Sonnentau in der Apotheke, als Mittel gegen Husten und Lungenleiden. Ganz besonders angetan war ein Einsiedler: Paracelsus, 1493 bei der Teufelsbrücke geboren und wohl der berühmteste Sohn des Klosterdorfs. Er schwärmte, die «Rosa solis» überstrahle alle anderen Kräuter so wie die Sonne die Planeten. Ein grosses Lob aus berufenem Mund. Und ganz unrecht hatte er nicht: In Hustenmitteln steckt Sonnentau noch heute.

Vom Hustensaft zum Willkommenstrunk

In Italien wurde aus der Arznei ein Genuss. Der Arzt Michele Savonarola aus Padua soll um 1425 sein «Lebenswasser» mit Honig, Rosen und Gewürzen verfeinert haben, damit es seinen vornehmen Patienten besser mundete. Klöster und Fürstenhöfe, allen voran jener der Medici in Florenz, machten den «Rosolio» zum feinen Trunk für hohe Gäste. Mit der Zeit hiess in Italien so ziemlich jeder süsse Hauslikör Rosolio: mit Zitronen, Bergamotten, Rosenblättern oder Fenchel, je nachdem, was gerade im Garten wuchs. Der Sonnentau selbst war da meist längst nicht mehr drin.

Mitbringsel aus dem Süden

Wie aber kam das Getränk in die Innerschweiz? Mit zwei Sorten von Reisenden. Die einen waren die Reisläufer. Weil die kargen Böden nicht alle Mäuler stopfen konnten, zogen über Jahrhunderte unzählige Innerschweizer als Söldner in fremde Dienste, besonders in die Mailänderkriege. Wer heimkehrte, brachte neben Sold und Narben auch neue Gewohnheiten mit.

Die andere Gruppe waren die Viehhändler, in Einsiedeln Welschlandfahrer genannt. Weil das Heu nicht für den ganzen Winter reichte, trieben sie im Herbst das Vieh über die Pässe auf die Märkte in der Lombardei. Auf dem Heimweg packten sie ein, was es zu Hause nicht gab: Salz, Wein, Gewürze. Und offenbar auch die Idee eines süssen, wärmenden Likörs. Wer diesen weitgereisten Händlern heute noch begegnen will, muss nur an die Einsiedler Fasnacht: Die Mummerien und Joheen erinnern an die Welschlandfahrer. Aus dem Rosolio wurde so der Rosoli, in der March und den Höfen der Rosouli.

Kirschen statt Moorkraut

Daheim wurde das Rezept kurzerhand angepasst. Sonnentau war rar und brachte geschmacklich wenig. Also nahm man, was vor der Haustür wuchs: Kirschen. Dazu kräftigen Obstbrand, Zucker und Gewürze wie Zimt, Nelken und Sternanis, mancherorts auch Magenträs, die rötliche Gewürzzuckermischung aus dem Glarnerland. Gebrannt wird dabei nichts. Früchte und Gewürze ziehen einfach wochen- oder monatelang im Schnaps. Danach wird gesüsst, gefiltert und abgefüllt.

Ein offizielles Rezept gab es nie. Es waren vor allem die Bäuerinnen, die nach der Kirschenernte ansetzten und ihr Geheimnis von der Mutter an die Tochter weitergaben. Bis heute gilt: so viele Haushalte, so viele Rosoli. Und jede Familie ist felsenfest überzeugt, dass ihrer der beste ist.

Einsiedeln hält ihn am Leben

Während der Rosoli anderswo langsam in Vergessenheit geriet, blieb er in Einsiedeln quicklebendig. Zu verdanken ist das der Familie Hensler zum Tell. Nach ihrem überlieferten Rezept wird seit 1848 der Ur-Rosoli hergestellt, mit Kernobstbrand, gedörrten Kirschen, Sternanis und Zimt. Heute steht er in Bäckereien, Läden und im Klosterladen. Getrunken wird er pur, als Schuss im Kaffee oder grosszügig über eine Kugel Vanilleglace.

Und an der Fasnacht?

Da ist er schlicht unverzichtbar. Wenn ab Dreikönig die Trychler durch die Gassen ziehen, wärmt ein Schluck aus der Glasflasche Hände, Herz und Stimmung. Dabei ist Rosoli mehr als ein Schnaps. Er ist eine Geste. Wer einschenkt, sagt: Du gehörst dazu. In der March galt früher sogar die ungeschriebene Regel, dass Rosouli nur in der Fasnachtszeit getrunken und niemals verkauft, sondern ausschliesslich verschenkt wurde. In Lachen wird er an der Narrenmesse heute noch kirchlich gesegnet.

Prost, Renaissance!

Der Rosoli hat also eine beachtliche Reise hinter sich: vom Moor zu den Alchemisten, von Padua an die Fürstenhöfe, über die Alpen in die Bauernstuben und schliesslich in die Glasflasche der Fasnächtler. Ein bisschen Italien, ein bisschen Mittelalter und ganz viel Einsiedeln. Wer also an der nächsten Fasnacht ein Gläschen angeboten bekommt, darf sich ruhig ein wenig wie ein Renaissancefürst fühlen.

Wie tief die Fasnacht in Einsiedeln verwurzelt ist, zeigt der Film «Bodenerdenlustig – die Einsiedler und ihre Fasnacht», ab 11. November 2026 im Cineboxx Einsiedeln.

Quellen

Patrimoine culinaire suisse: Rosoli  patrimoineculinaire.ch/Produkt/Rosoli/327

Patrimoine culinaire suisse: Magenträs, Trietolt  patrimoineculinaire.ch/Produit/Magentras-Trietolt/247

ETH Zürich, Æther: Paracelsus‘ Wundermittel. Die Rosa solis  aether.ethz.ch

Wikipedia: Rundblättriger Sonnentau  de.wikipedia.org/wiki/Rundblättriger_Sonnentau

Wikipedia: Rosolio  en.wikipedia.org/wiki/Rosolio

Historischer Verein des Kantons Schwyz: Söldner- und Pensionenwesen  hvschwyz.ch

Region Einsiedeln: Rosoli, der traditionelle Likör  eyz.swiss

Kloster Einsiedeln, Online-Shop: Ur-Rosoli  shop.kloster-einsiedeln.ch

Rosouli.ch  rosouli.ch

Narrhalla Lachen: Publikationen  narrhalla.ch

Projektrecherche «Bodenerdenlustig» zur Einsiedler Fasnacht und den Welschlandfahrten

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