{"id":608,"date":"2026-10-06T18:26:06","date_gmt":"2026-10-06T18:26:06","guid":{"rendered":"https:\/\/bodenerdenlustig.ch\/?p=608"},"modified":"2026-10-06T18:26:06","modified_gmt":"2026-10-06T18:26:06","slug":"608","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/bodenerdenlustig.ch\/?p=608","title":{"rendered":""},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-1250aeed wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:33.33%\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"890\" src=\"https:\/\/bodenerdenlustig.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/IMG_1525-1024x890.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-610\" srcset=\"https:\/\/bodenerdenlustig.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/IMG_1525-1024x890.jpeg 1024w, https:\/\/bodenerdenlustig.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/IMG_1525-300x261.jpeg 300w, https:\/\/bodenerdenlustig.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/IMG_1525-768x668.jpeg 768w, https:\/\/bodenerdenlustig.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/IMG_1525-1536x1336.jpeg 1536w, https:\/\/bodenerdenlustig.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/IMG_1525-2048x1781.jpeg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Zeichnung aus \u201eEinsiedler Volksbr\u00e4uche\u201c von Martin Gyr<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/bodenerdenlustig.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Bild-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-611\" srcset=\"https:\/\/bodenerdenlustig.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Bild-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/bodenerdenlustig.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Bild-300x200.jpg 300w, https:\/\/bodenerdenlustig.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Bild-768x512.jpg 768w, https:\/\/bodenerdenlustig.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Bild-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/bodenerdenlustig.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Bild.jpg 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Der Paget unterwegs am Wagenumzug &#8211; aber das letzte St\u00fcndlein schl\u00e4gt bald<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:66.66%\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>MUSIK DER FASNACHT<\/strong><\/p>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\"><strong>Zwei Wanderer im Tross des Pagats<\/strong><\/h1>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am Dienstagabend der Fasnacht ist die Einsiedler Fasnachtszyschtig-Musik unterwegs, einzig zu dieser Stunde. Sie schreitet dem Zug voran und zieht durchs Dorf. Ihr folgen einige Teufel, Brissago rauchende Domino und eine grosse Schar von Hudi in Nachthemden und Nachthauben, Kerzen und grosse Nast\u00fccher in den H\u00e4nden, denn sie sind am Weinen, am \u201eBr\u00fcel\u00e4\u201c. Mitten im Tross Trychlergruppen, darunter die sogenannten F\u00fcdlitrychler (die Treichel um den Bauch geschnallt am R\u00fccken treichelnd) und Bur\u00e4trychler (meistens mit zwei grossen Treichel und an einem Joch). Auch der Pagat ist dabei, auf einem Wagen mitgef\u00fchrt, bis er auf der Strasse zwischen Dorf und Klosterplatz auf einen kleinen Scheiterhaufen aus Paletten gehievt und angez\u00fcndet wird. Um ihn herum, w\u00e4hrend er brennt und schliesslich explodiert, zieht der ganze Umzug seine Kreise.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Entgegen dem Eindruck, den es an diesem Abend erweckt, ist das Pagatverbrennen gar kein uraltes Ritual. Der urspr\u00fcngliche Brauch bestand n\u00e4mlich darin, den Pagat im Schnee zu begraben. Wie Martin Gyr 1933 in seinem Werk \u00abVolksbr\u00e4uche in Einsiedeln\u00bb festhielt, war diese Tradition jedoch bereits um 1870 erloschen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erst in den fr\u00fchen 1950er-Jahren griff die B\u00fcrgerwehr den Brauch wieder auf \u2013 allerdings mit einer entscheidenden \u00c4nderung: Nach Intervention der Kirche und der Beh\u00f6rden wurde der Pagat fortan \u00f6ffentlich verbrannt und nicht begraben.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Begleitmusik ist noch j\u00fcnger: Die Fasnachtszyschtig-Musik existiert in ihrer heutigen Form erst seit etwa 20 Jahren. Paradoxerweise sind die beiden bekanntesten Melodien, die an diesem Abend gespielt werden, erheblich \u00e4lter. Sie stammen aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert und waren in der Schweizer Volksmusik l\u00e4ngst etabliert, bevor in Einsiedeln der erste Pagat \u00fcberhaupt in Flammen aufging. Diese Lieder sind gewissermassen musikalische Einwanderer, die erst nachtr\u00e4glich in einen Brauch integriert wurden, der deutlich j\u00fcnger ist als sie selbst.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>\u201eHAU DE CHATZ DE SCHWANZ AB\u201c: EINE POLKA MACHT KARRIERE<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer diese Melodie h\u00f6rt, denkt an urchige Innerschweizer Fasnacht. Dabei begann ihr Leben in vornehmster Gesellschaft: als \u201eKreuzpolka\u201c, ein b\u00fcrgerlicher Salontanz, der in Preussen popul\u00e4r war und 1887 durch den Verleger Rudolf Daase kommerziell unter die Leute gebracht wurde. Kein Fasnachtsl\u00e4rm weit und breit, sondern gepflegtes Parkett.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Text, der ihr sp\u00e4ter aufgesetzt wurde, stammt aus einer ganz anderen Ecke: aus norddeutschen Heischebr\u00e4uchen wie dem Rummelpottlaufen, wo derb-komische Drohungen zum guten Ton geh\u00f6rten. Die Ank\u00fcndigung, einer Katze den Schwanz abzuhauen, war dort so w\u00f6rtlich gemeint wie ein Trinkspruch, ein Spottvers zum Mitgr\u00f6len, keiner Katze ist je etwas geschehen. Diese Kombination aus feinem Tanzsaal-Rhythmus und derbem Norddeutsch wanderte \u00fcber L\u00e4ndlerkapellen (dokumentiert unter anderem in Hanny Christens Sammlungen und bei Musikanten wie Lorenz Giovanelli) in den Alpenraum ein und fand dort ihre ideale Form: das Gstanzl, den spontanen Spottvierzeiler.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Den eigentlichen Ritterschlag erhielt die Melodie schon 1949, einige Jahre bevor in Einsiedeln \u00fcberhaupt an ein Pagatverbrennen zu denken war, als die neu gegr\u00fcndete Luzerner Guggenmusik \u201eChatzemusig Loz\u00e4rn\u201c sie zu ihrem offiziellen Lauflied \u201es&#8217;Eis\u201c k\u00fcrte. Aus dem Berliner Modetanz war da l\u00e4ngst eine gestandene Fasnachtshymne geworden. Als die B\u00fcrgerwehr wenig sp\u00e4ter ihren neuen Brauch aus der Taufe hob, gab es die Melodie also schon, fix und fertig eingeb\u00fcrgert, bereit, sich einem weiteren Umzug anzuschliessen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Verwechslung sei an dieser Stelle ausdr\u00fccklich ausger\u00e4umt: Mit der Urner \u201eKatzenmusik\u201c hat das St\u00fcck trotz des gemeinsamen Tiernamens nichts zu tun. Jene basiert auf einem franz\u00f6sischen Milit\u00e4rsignal, das 1871 mit der internierten Bourbaki-Armee ins Land kam, eine v\u00f6llig andere Katze, ein v\u00f6llig anderer Stall.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>\u201eDIE S\u00c4NGER VOM FINSTEREN WALDE\u201c: EIN SPOTTLIED AUF WANDERSCHAFT<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die zweite Melodie ist noch etwas \u00e4lter und hat eine ebenso vergn\u00fcgliche Geschichte zu bieten. Sie stammt aus einer Berliner Burleske von 1899, in der sich der Textdichter Wilhelm Wolff \u00fcber ein verschlafenes Provinznest namens Finsterwalde in Brandenburg lustig machte, komponiert als Spott auf dessen angeblich r\u00fcckst\u00e4ndige Sangeskultur. Die Finsterwalder nahmen es sportlich: Sie eigneten sich den Spott kurzerhand an und nennen sich seither stolz \u201eS\u00e4ngerstadt\u201c, ihre Tradition steht heute sogar im Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Melodie selbst zog derweil unabh\u00e4ngig davon weiter, \u00fcber Drehorgeln, Spieldosen und Blasmusikverlage, die sie bereits in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts in ganz S\u00fcddeutschland, \u00d6sterreich und der Schweiz verbreiteten, ein halbes Jahrhundert, bevor in Einsiedeln \u00fcberhaupt jemand an ein brennendes Stroh-M\u00e4nnchen dachte. Auf dieser Reise passierte etwas H\u00fcbsches: Der Ortsname \u201eFinsterwalde\u201c verlor sich im m\u00fcndlichen Weiterreichen und wurde zu \u201eder finstere Wald\u201c, einem romantischen M\u00e4rchenmotiv. So wurde aus einer bissigen Berliner Lokalsatire ein anonymes, textloses St\u00fcck Blasmusik-Repertoire, unauff\u00e4llig genug, um in praktisch jedem Umzug im deutschsprachigen Raum mitzumarschieren, auch im Einsiedler.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Fasnachts-Zyschtigs-Musik spielt es bis heute konsequent instrumental, ganz ohne Gesang, w\u00e4hrend sie dem weinenden Tross der Hudi und Teufel vorausschreitet, hinaus zum Scheiterhaufen des Pagats.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>ZWEI ZUZ\u00dcGER, EIN JUNGER BRAUCH<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So zieht am Dienstagabend, an der Spitze des Trauerzugs zum Pagat, eine preussische Salonpolka mit norddeutschem Spottvers im Gep\u00e4ck neben einem Berliner Kabarett-Gag auf Kosten eines Provinzst\u00e4dtchens durchs Dorf. Beide Melodien waren schon Jahrzehnte unterwegs und in der Schweizer Volksmusik bestens etabliert, bevor der erste Pagat in Einsiedeln \u00fcberhaupt brannte. Nicht der Brauch hat sich eine Musik gesucht, sondern eine l\u00e4ngst vorhandene Musik hat sich, als der Brauch entstand, einen neuen Anlass gesucht, an dem sie mitziehen durfte. Vielleicht ist genau das die eigentliche Pointe: Eine Tradition muss nicht uralt sein, um sich echt anzuf\u00fchlen, es reicht, wenn sie sich die richtigen, l\u00e4ngst gereiften Melodien borgt und sie so oft spielt, dass niemand mehr fragt, woher sie eigentlich kommen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>QUELLEN<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Zur Melodie \u201eHau de Chatz de Schwanz ab\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u2022&nbsp;&nbsp;S\u00e4mi Studer: Die Fasnachts-Hymne \u00abHau i de Chatz de Schwanz ab\u00bb, Musikwelle Magazin, SRF, srf.ch\/audio\/musikwelle-magazin<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u2022&nbsp;&nbsp;Hanny Christen: Hanny Christen&#8217;s Collection, Vol. 4<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u2022&nbsp;&nbsp;Tanzbeschreibung Kreuzpolka, Trachtenverein Menzing, trachtenverein-menzing.de<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Zur Melodie \u201eDie S\u00e4nger vom Finsteren Walde\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u2022&nbsp;&nbsp;Wir sind die S\u00e4nger von Finsterwalde\u2026, Liederkranz Salzstetten, liekra-salzstetten.de<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u2022&nbsp;&nbsp;S\u00e4ngerstadt Finsterwalde, brandenburgikon.de<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u2022&nbsp;&nbsp;\u00abReichtum unseres Landes\u00bb: Berliner Techno und Finsterwalder Sangestradition in Brandenburg sind jetzt Kulturerbe, Der Tagesspiegel<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u2022&nbsp;&nbsp;Finsterwalde, Wikipedia<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Zum Pagatverbrennen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u2022&nbsp;&nbsp;Ernst-Louis Bingisser: Der Pagat, eine kleine Untersuchung. In: Schriften des Kulturvereins Ch\u00e4rnehus Einsiedeln, Heft 31, S. 139\u2013150<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u2022&nbsp;&nbsp;Interview mit Candid und Therese Kn\u00fcsel, Projektarchiv Bodenerdenlustig<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>MUSIK DER FASNACHT Zwei Wanderer im Tross des Pagats Am Dienstagabend der Fasnacht ist die Einsiedler Fasnachtszyschtig-Musik unterwegs, einzig zu dieser Stunde. Sie schreitet dem Zug voran und zieht durchs Dorf. 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