{"id":525,"date":"2026-07-27T12:20:28","date_gmt":"2026-07-27T12:20:28","guid":{"rendered":"https:\/\/bodenerdenlustig.ch\/?p=525"},"modified":"2026-07-28T09:38:18","modified_gmt":"2026-07-28T09:38:18","slug":"525","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/bodenerdenlustig.ch\/?p=525","title":{"rendered":""},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-1250aeed wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:33.33%\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"689\" src=\"https:\/\/bodenerdenlustig.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/image-1024x689.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-488\" srcset=\"https:\/\/bodenerdenlustig.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/image-1024x689.jpeg 1024w, https:\/\/bodenerdenlustig.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/image-300x202.jpeg 300w, https:\/\/bodenerdenlustig.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/image-768x517.jpeg 768w, https:\/\/bodenerdenlustig.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/image-1536x1034.jpeg 1536w, https:\/\/bodenerdenlustig.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/image-2048x1378.jpeg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"818\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/bodenerdenlustig.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Fasnacht50378-07-818x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-149\" srcset=\"https:\/\/bodenerdenlustig.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Fasnacht50378-07-818x1024.jpg 818w, https:\/\/bodenerdenlustig.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Fasnacht50378-07-240x300.jpg 240w, https:\/\/bodenerdenlustig.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Fasnacht50378-07-768x962.jpg 768w, https:\/\/bodenerdenlustig.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Fasnacht50378-07.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 818px) 100vw, 818px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"715\" height=\"955\" src=\"https:\/\/bodenerdenlustig.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Bild-15.01.26-um-07.11-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-314\" srcset=\"https:\/\/bodenerdenlustig.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Bild-15.01.26-um-07.11-1.jpg 715w, https:\/\/bodenerdenlustig.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Bild-15.01.26-um-07.11-1-225x300.jpg 225w\" sizes=\"auto, (max-width: 715px) 100vw, 715px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:66.66%\">\n<h2 class=\"wp-block-heading has-barlow-condensed-font-family\"><strong>Vom Bankrott zum Brauch:<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-primary-color has-text-color has-link-color wp-elements-1 wp-block-paragraph\"><strong><em>Woher das Brotauswerfen kommt<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn am Fasnachtsdienstag Johee, Mummerie und H\u00f6relibajass auf die Bretterb\u00fchnen steigen und Hunderte von M\u00fctschli in die wartende Menge werfen, erlebt Einsiedeln einen seiner intensivsten Fasnachtsmomente. Rund zwei Tonnen Brot, etwa 8&#8217;000 Laibe zu je 250 Gramm,&nbsp;&nbsp;fliegen an diesem Nachmittag durch die Luft. Was heute wie ein fr\u00f6hliches Ritual der Grossz\u00fcgigkeit wirkt, hat einen deutlich schwerm\u00fctigeren Ursprung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Die Welschlandfahrten<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im 16. und 17. Jahrhundert erlebte die Innerschweiz eine Bl\u00fctezeit der Viehwirtschaft. Weil das Winterfutter knapp war, trieben Einsiedler und Schwyzer Bauern, die sogenannten Senntnenbauern, ihre Viehherden \u00fcber den Gotthard nach Oberitalien, um sie dort zu verkaufen. Diese \u201eWelschlandfahrten&#187; waren riskante Unternehmungen: Wer Gl\u00fcck hatte, kehrte mit vollen Taschen heim. Wer Pech hatte, durch Seuchen, \u00dcberf\u00e4lle, fr\u00fchzeitigen Wintereinbruch, einen schlechten Markt oder schlechte Karten oder W\u00fcrfel beim Gl\u00fccksspiel, verlor Hab und Gut und kam mittellos zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die m\u00fcndliche \u00dcberlieferung datiert den Brauch des Brotauswerfens, welcher auf diese Welschlandfarten zur\u00fcckgeht,&nbsp;&nbsp;bis ins 17. Jahrhundert zur\u00fcck; schriftlich fassbar ist er allerdings erst ab dem fr\u00fchen 19. Jahrhundert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Die Legende von Johee, Mummerie und H\u00f6relibajass<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Geschichte erz\u00e4hlt von Vieh- und Pferdeh\u00e4ndlern, die verarmt aus dem Welschland heimkehren und ihre Schmach nicht eingestehen wollen. Um den Schein zu wahren, geben sie sich betont grossz\u00fcgig: Mit ihren letzten Reserven kaufen sie Brot und werfen es der wartenden Dorfbev\u00f6lkerung zu, als w\u00e4ren sie reiche Wohlt\u00e4ter. Das Volk aber durchschaut die T\u00e4uschung und dieser Spott steht mit auf der B\u00fchne: als H\u00f6relibajass, der die beiden Angeber mit seinen Spr\u00fcngen und Fingerzeigen blossstellt und so zur dritten festen Figur des Rituals wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Volkskundler Linus Birchler brachte es so auf den Punkt: Der Johee tr\u00e4gt&nbsp;die Kuhglocke selbst um den Leib und den Reisigbesen in der Hand, weil er kein Vieh mehr besitzt, der Mummerie hat das Pferdegeschirr umgeh\u00e4ngt und tr\u00e4gt einen Pferdeschweif in der Hand, weil ihm die Pferde abhandengekommen sind. Beide spielen mit den Insignien eines Reichtums, den sie l\u00e4ngst verloren haben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Vom Pfauenwirt zum Turnverein<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Brauch ist deutlich \u00e4lter als sein heutiger Tr\u00e4ger. Lange bevor der Turnverein ihn \u00fcbernahm, geh\u00f6rten Garderobe, Larven und Requisiten dem Pfauenwirt Martin Gyr und sp\u00e4ter seinen Nachfolgern Karl Gyr-Tanner und Karl Gyr-K\u00e4lin, deren Familien f\u00fcr den Unterhalt sorgten. Ein Kreis befreundeter Herren, darunter Beh\u00f6rdenmitglieder und Offiziere, veranstaltete jeweils am Fastnachtsmontag eine Volksvorstellung, sammelte in wohlt\u00e4tigen Familien Geld und kaufte am Dienstag das Brot zum Auswerfen. Erst um 1903 \u00fcbergab Pfauenwirt Karl Gyr-K\u00e4lin die Garderobe und einige alte Larven dem Turnverein Einsiedeln, der sich damit verpflichtete, den Brauch weiterzuf\u00fchren. Eine Aufgabe, welche der Turnverein STV Einsiedeln seit der Fasnacht 1904 mit Stolz, Freude, Gewissenhaftigkeit&nbsp;&nbsp;und viel Engagement durchf\u00fchrt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Vom Spott zur Wohlt\u00e4tigkeit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Interessant ist, wie sich die Bedeutung des Brauchs im Lauf der Jahrhunderte verschoben hat. Im 17. und 18. Jahrhundert, gepr\u00e4gt von wiederkehrender Armut, erhielt das Brotauswerfen eine zus\u00e4tzliche, sehr reale Funktion: die Speisung der Bed\u00fcrftigen. Rund um die Bretterb\u00fchnen versammelten sich, wie es eine Quelle von 1933 festh\u00e4lt, Hunderte M\u00e4nner, Frauen und Kinder, streckten die H\u00e4nde empor und riefen \u201eMir eis, mir eis!&#187; Aus einer Verspottung wohlstandsheuchelnder Heimkehrer wurde so auch ein Akt der Solidarit\u00e4t, bei dem tats\u00e4chlich niemand leer ausging.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bis heute tr\u00e4gt der Brauch beide Schichten in sich: die ironische Erinnerung an verlorenes Gl\u00fcck und geplatzte Tr\u00e4ume und die grossz\u00fcgige Geste des Teilens, die der Einsiedler Fasnacht bis heute ihren ganz eigenen, bodenerdenlustigen Charakter gibt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-contrast-dark-color has-text-color has-link-color wp-elements-2 wp-block-paragraph\"><strong>Quellen<\/strong>:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Linus Birchler, in: Volksbr\u00e4uche, Heft 1933\/28<br>Kulturverein Ch\u00e4rnehus Einsiedeln, Schriften Nr. 31: Fasnacht im alten Einsiedeln<br>Fasnachtsgesellschaft B\u00fcrgerwehr Einsiedeln, stv-einsiedeln.ch \u2013 \u201eBrotauswerfen: Geschichte und Hintergrund&#187; sowie \u201eBrotauswerfen: Figuren&#187;<br>Martin Gyr, Einsiedler Volksbr\u00e4uche\u00a0\u2013 Fasnacht<br>Ren\u00e9\u00a0Oechslin, Interview f\u00fcr den Dokumentarfilm\u00a0\u201eBodenerdenlustig&#187; (2026)<\/em><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vom Bankrott zum Brauch: Woher das Brotauswerfen kommt Wenn am Fasnachtsdienstag Johee, Mummerie und H\u00f6relibajass auf die Bretterb\u00fchnen steigen und Hunderte von M\u00fctschli in die wartende Menge werfen, erlebt Einsiedeln einen seiner intensivsten Fasnachtsmomente. 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