{"id":304,"date":"2026-01-14T09:56:54","date_gmt":"2026-01-14T09:56:54","guid":{"rendered":"https:\/\/bodenerdenlustig.ch\/?p=304"},"modified":"2026-03-02T13:49:32","modified_gmt":"2026-03-02T13:49:32","slug":"der-perfekte-klick-ein-foto-zwei-protagonisten-und-das-geheimnis-hinter-der-larve","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/bodenerdenlustig.ch\/?p=304","title":{"rendered":"Der perfekte Klick: Ein Foto, zwei Protagonisten und das Geheimnis hinter der Larve"},"content":{"rendered":"\n<p>Einsiedeln, Dienstag, 4. M\u00e4rz 2003. Ein Nachmittag, der die Zeit stillstehen liess \u2013 nicht nur auf dem Filmstreifen, sondern auch in der Geschichte zweier M\u00e4nner, die damals noch nicht ahnten, dass sie zwanzig Jahre sp\u00e4ter gemeinsam Filmgeschichte schreiben w\u00fcrden.<\/p>\n\n\n\n<p>Stellen wir uns kurz die Welt von 2003 vor. Smartphones waren noch reine Science-Fiction, Mark Zuckerberg bastelte vielleicht gerade an einer Vorform von Facebook in seinem Wohnheimzimmer, und das Wort \u00abInfluencer\u00bb war h\u00f6chstens eine medizinische Diagnose f\u00fcr jemanden mit einer besonders hartn\u00e4ckigen Grippe. In Einsiedeln herrschte jedoch derselbe Ausnahmezustand wie seit Jahrhunderten: Es war Fasnachtsdienstag.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading has-mono-1-color has-text-color has-link-color has-barlow-condensed-font-family has-superbfont-medium-font-size wp-elements-5c1541676031ddb7f231b580063195f8\"><strong>Der Tanz auf dem Kopfsteinpflaster<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Die Brotauswerfer des Turnvereins Einsiedeln waren in ihrem Element. Von der B\u00fchne flogen die \u00abM\u00fctschli\u00bb (Brote) in die gierige, wogende Menge, die aus tausenden Kehlen den legend\u00e4ren Ruf anstimmte: \u00abMir eis! \u2013 Mir eis!\u00bb Ein geordnetes Chaos, eine Ekstase aus L\u00e4rm, Tradition und Adrenalin. Nach dem Spektakel zog die Brotauswerfer Gruppe im t\u00e4nzelnden Schritt die Hauptstrasse hinunter \u2013 Ziel: ein lokales Restaurant f\u00fcr eine kurze, wohlverdiente Erfrischung.<\/p>\n\n\n\n<p>Mitten in diesem bunten Treiben stand Franz K\u00e4lin. In seinen H\u00e4nden hielt er kein Spielzeug, sondern eine Legende der Fotogeschichte: eine Pentax 67. Diese Mittelformatkamera ist unter Fotografen als \u00abdas Biest\u00bb bekannt \u2013 schwer, laut und unerbittlich pr\u00e4zise. Best\u00fcckt mit einem 105mm 1:2,4 Objektiv und einem frischen Kodak Supra 100 Film (120er Rollfilm).<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr alle, die im digitalen Zeitalter aufgewachsen sind: Franz hatte genau zehn Versuche. Zehn Bilder pro Rolle. Ein Negativ von 6&#215;7 Zentimetern, das Details einf\u00e4ngt, von denen heutige Handykameras nur tr\u00e4umen k\u00f6nnen. Es war ein Setup f\u00fcr Meisterwerke, bei dem jeder Handgriff sitzen musste.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading has-mono-1-color has-text-color has-link-color has-barlow-condensed-font-family has-superbfont-medium-font-size wp-elements-165ffe22ca20be052feb0e9ff797c68d\"><strong>Das Bild, das zum Kult wurde<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Franz postierte sich mutig auf dem Kopfsteinpflaster, im direkten Kollisionskurs mit den anr\u00fcckenden Brotauswerfern. Dann geschah es: Ein Fingerdruck. Ein trockenes, sattes Klicken f\u00fcr den Bruchteil von 1\/500 Sekunde. Das Bild war im Kasten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Ergebnis ist heute in der Fasnachtsszene l\u00e4ngst Kult. Es zeigt einen \u00abJohee\u00bb in voller Pracht: mit federndem Schritt, den Finger direkt auf die Linse gerichtet, fast so, als wollte er den Fotografen (und uns Zuschauer) direkt ermahnen oder herausfordern. W\u00e4hrend die Gruppe im Hintergrund zu einem impressionistischen Meer aus Farben verschwimmt, ist der Johee messerscharf eingefroren. Ein Volltreffer auf Zelluloid. Ein Moment f\u00fcr die Ewigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading has-mono-1-color has-text-color has-link-color has-barlow-condensed-font-family has-superbfont-medium-font-size wp-elements-7a7e4a14881e34fc11b805a7ef77d414\"><strong>Das Geheimnis unter der Larve<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Was Franz in jenem Augenblick \u2013 und f\u00fcr die n\u00e4chsten zwei Jahrzehnte \u2013 nicht wusste: Das Schicksal hat manchmal einen Humor, den kein Drehbuchautor besser h\u00e4tte erfinden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter der schweren, h\u00f6lzernen Johee-Larve schwitzte an diesem Nachmittag ein junger Mann namens Roland Ochsner. W\u00e4hrend Franz durch den Sucher seiner Pentax blickte, schaute Roland durch die schmalen Sehschlitze der Maske direkt in die Linse. Zwei kreative Geister begegneten sich, ohne sich zu erkennen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading has-mono-1-color has-text-color has-link-color has-barlow-condensed-font-family has-superbfont-medium-font-size wp-elements-c4183723a724969745f1bba6c670637b\"><strong>Bodenerdenlustig: Wenn Kreise sich schliessen<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Heute, \u00fcber zwanzig Jahre sp\u00e4ter, sind die beiden keine Unbekannten mehr. Sie sind Partner. Gemeinsam arbeiten sie an einem grossen Dokumentarfilmprojekt \u00fcber genau diese Tradition, die sie damals so instinktiv festhielten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00abBodenehrenlustig \u2013 Die Einsiedler und ihre Fasnacht\u00bb heisst das Werk. Es ist mehr als nur ein Film; es ist die Aufarbeitung einer tief verwurzelten Leidenschaft. Wenn man das Foto von 2003 heute betrachtet, sieht man nicht mehr nur einen anonymen Maskentr\u00e4ger und eine technische Meisterleistung. Man sieht den Keim eines Projekts, das die Essenz der Einsiedler Fasnacht einf\u00e4ngt: Die Verbindung zwischen dem, was man sieht (die Fotografie von Franz), und dem, was man f\u00fchlt (das Erleben von Roland unter der Maske).<\/p>\n\n\n\n<p>Manchmal braucht es eben zwanzig Jahre bis ein Bild seine ganze Geschichte erz\u00e4hlt.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter der Kamera Franz K\u00e4lin \u2013 Hinter der Maske Roland Ochsner<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-28f84493 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:100%\">\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"802\" height=\"600\" src=\"https:\/\/bodenerdenlustig.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Bild-15.01.26-um-07.11.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-315\" style=\"aspect-ratio:1.3366750208855471;width:337px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/bodenerdenlustig.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Bild-15.01.26-um-07.11.jpg 802w, https:\/\/bodenerdenlustig.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Bild-15.01.26-um-07.11-300x224.jpg 300w, https:\/\/bodenerdenlustig.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Bild-15.01.26-um-07.11-768x575.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 802px) 100vw, 802px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p>Pentax 67 \u00abdas Biest\u00bb die von Franz&nbsp;&nbsp;verwendete Kamera<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einsiedeln, Dienstag, 4. 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